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Ein ärgerliches gewordenes
Detail war bei
der Planung dieser rein musischen Veranstaltung nicht beachtet worden:
Die Gäste mussten auch verdauen. Es gab nur zwei die
Körperausscheidungen erleichternden Ab-Orte mit Gelegenheit
zu Waschungen, und die waren ständig
„belagert“. Das
ungeduldige Warten vor diesen Räumen erschwerte manche
zwischenmenschliche Beziehung und regte offensichtlich einige
Gäste zu etlichen Zettelanschlägen und
Abort-Sprüchen
an; die meisten mahnten zur Eile und zum Verzicht auf zeitraubende
zusätzliche kosmetische Renovierungen oder auf intime
Verabredungen. Es erwies sich als vorteilhaft, dass einzelne Dichter,
denen man es gar nicht zugetraut hätte, auch noch
Lebenspraktischeres als Lesen und Schreiben gelernt hatten; nach
einigen schwer ertragbaren Stunden organisierten sie improvisiert
weitere Örtlichkeiten.
Am nächsten Morgen habe ich mich gegen Zehn wieder dort
eingefunden, gerade rechtzeitig, um zu erleben, wie die literarischen
Leuchten und ihre Damen einzeln ziemlich verkatert zum
Frühstück kamen. Der Lord klagte über die zu
einseitig
„kontinentalen“ Bestandteile.
Goethe genehmigte sich ohne Rücksicht auf andere Interessenten
eine Riesenmenge Rührei mit Schinken. Der bis in sein
beneidenswert hohes Alter offensichtlich
schürzenjägerisch
aktive Dichterfürst versuchte vergeblich, eine verschlafen
aussehende, vorteilhaft erblondete Dame zu becircen. Eine Dame neben
mir äußerte den Verdacht, dass er sich wohl jeden
Morgen
Pfeffer in die Unterhose streuen würde. „Streuen
lässt“,
ergänzte mein anderer Nachbar. Danach verlangte und verteilte
Goethe Champagner und lud zu einer angeblichen
„Erstlesung“ in den
Park.
Als er an mir vorbeiging, sagte er, ohne mich anzublicken:
„Wieso hat
die Göttliche Sie geküsst? Was haben Sie
ihr
versprochen?“
„Womit beeindrucken Sie Ihre Frauen, Exzellenz?“
fragte ich zurück
und schob nach: „Vielleicht hat die wunderbare Frau genug von
eitlen
Männern.“
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Es waren nicht viele, die ihn
hören
wollten. Ich glaube mich zu erinnern, dass es Lessing war, der gut
hörbar sagte: „Das Bisschen, das wir lesen,
schreiben wir selber!“
Die Bemerkung traf viele, aber jeder hielt sie nach meinem Eindruck und
nach einigen Nachfragen für andere zutreffender als
für sich
selbst.
Heine bekam mehr Publikum bei seinem wohl als Gegenaktion gedachten
improvisierten Vortrag, für den er gar nichts Gedrucktes
brauchte:
Er sprach alle seine Gedichte und einige Prosa-Proben auswendig und
wurde einige Male durch freundliche Zurufe ausgerechnet von
Börne
unterbrochen, der als fast einziger Mann zuhörte. Heine
schenkte
seinen Zuhörerinnen Champagner ein.
„Diese Vorliebe haben der große Goethe und ich noch
gemeinsam!“
sagte er mir später, als ich mit ihm über
kulinarische
Genüsse, über falschen Patriotismus und über
die
Bedeutung von Freudenhäusern für
schöpferisch
tätige Männer führte und mitschrieb
– Letzteres hielt er
übrigens für ein lohnendes Dissertationsthema;
darüber
hätte er viel lieber gearbeitet als weiland über sein
staubtrocken juristisches.
Lichtenberg sah und hörte uns über die Schultern zu
und
steuerte seine Meinung über körperliche Liebe bei,
die ich
sehr berichtenswert fand, aber leider nicht zitieren darf, weil sein
Verleger jedes Bonmot von ihm exklusiv behalten will.
„Früher waren wir nur von unseren
Fürsten
abhängig, das war lähmend genug; jetzt pressen uns
die
Verleger!“ Der schwäbisch tönende Ruf
konnte nur von Schiller
sein. Er hatte eine ihn anhimmelnde Dame im Arm und küsste sie
ungeniert, schauspielerisch gekonnt und selbst in dieser erotisch
längst aufgeladenen Szene ungewöhnlich lange vor
allen
Leuten. Die Dame fand es kein bisschen „shocking“,
dass dieser
bekennende poetische Busenforscher ihren eigenen vor allen
rühmte
und seine Worte handgreiflich unterstützte: „Manche
griechische
Göttin wäre neidisch auf diese herrlichen
Brüste!“ Das
weckte natürlich die Neugier etlicher herzueilender Dichter,
die
ja immer auf der Suche nach Inspirationen sind. „Seht
einmal“, rief G.
A. Bürger aufgebracht, „und dieser Herr hat sich
über meine
offenen Liebesgedichte mokiert!"
Meine Kollegin Simone blieb verschwunden, wahrscheinlich wagte sie im
Selbstversuch wieder, in vorgeblich romantisches Neuland vorzudringen.
Ich musste sie nach über zweistündigem Warten
entgegen
unserer Vereinbarung zurücklassen; vielleicht war sie ja auch
gar
nicht mehr hier.
Ich sah kein lohnendes Ergebnis des Zusammentreffens von schreibenden
notorischen Einzelgängern mehr – außer,
dass man sich einmal
getroffen hatte und sich so bald nicht mehr wiedersehen wollte. Nach
meiner Einschätzung lässt sich auch über
dieses
Unternehmen kaum Tieferes resümieren, als dass die
Krähen
wieder einmal den Dohlen geschildert haben, für wie schwarz
sie
die Raben halten.
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Nach der Auflösung des
wenigstens in
amouröser Hinsicht halbwegs gelungenen Treffens, einem
allgemeinen
Seufzen über den Sinn dieser aufwendigen Zusammenkunft und der
wohl nicht ernst gemeinten Verabredung, in fünf Jahren alles
noch
besser vorzubereiten, ergab sich eine abenteuerliche
Situation
für mich: Die englische Dichterin Elizabeth Barrett, die nicht
mit
den anderen englischen Schiffspassagieren reisen wollte, ging mit mir
zur Poststation. Während ich den schwersten Teil ihres
Gepäcks trug, konnte ich an ein scherzhaftes
Geplänkel beim
Warten vor dem gewissen Örtchen mit ihr anknüpfen und
unsere
Sympathien für einander erweitern. Entgegen einer an der
Station
aushängenden Mitteilung ging an diesem Tag kein Postwagen mehr
nach Hamburg. Pannen passieren eben.
Wir mussten eine Herberge suchen, fanden die einzige am Ort, und weil
dort nur eine Bettkammer verfügbar war, nahmen wir das nach
gehörigem Zögern als vom Schicksal sehr zumutend,
aber halt
so gewollt. Nach einem langen Spaziergang waren wir ganz prosaisch
hungrig und ließen uns, weil unten gezimmert wurde, die
wenigen
nahrhaften Angebote des Hauses nach oben bringen.
Ja, zugegeben, als ich hinter ihr nach oben stieg, war es mit meiner
höflichen Reserviertheit vorbei; meine Hände machten
sich
selbständig. Elizabeth stieß mich spontan abwehrend
die
steile Treppe hinab; ich stürzte mit Gepolter nach unten und
blieb
regungslos liegen. Sie eilte schnell zu mir, tätschelte in
höchster Sorge mein Gesicht – und weil ich mich
immer noch nicht
rührte, versuchte sie eine Wiederbelebung mit
zärtlich-verzweifelten Küssen, die ihr nach einer
Weile den
wohl gar nicht mehr erhofften Erfolg brachten. Ich bewies ihr in den
nächsten Stunden, dass nur ihre Küsse mich dem Leben
zurückgeben und sogar meine vorgetäuschten
furchtbaren
Schmerzen lindern konnten. Es kam mir allmählich so vor, als
ob
ihr dieser Liebesdienst auch gut tat – für eine
spröde junge
Engländerin war das nicht zu erwarten gewesen.
Zu drögem Brot mit Spiegeleiern und lauem Bier
erzählte ich
Elizabeth einige meiner Erlebnisse. Ganz in Gedanken öffnete
sie
einige Knöpfe ihres wohl zu engen Gewandes; das blieb von mir
nicht unbeachtet und ich nahm es als gutes Omen für einen
diesmal
günstiger terminierten Frontalangriff. Nicht wahr, ihr denkt
auch,
dass Engländerinnen kühl und fantasielos und erotisch
ungewöhnlich uninteressiert sind? Gut, bleibt nur bei diesem
Vorurteil; ich weiß es besser.
Abgesehen von der wundervollen Vertrautheit, die eine Liebesstunde
schafft, mochten wir uns. Ich merkte das auch daran, dass mich ihr
Zigarrenkonsum nicht mehr störte. Männer, habt ihr
jemals
eine Zigarrenraucherin geküsst? Und das einmal
„danach“?
Danach hörte ich von ihr bis spät in die Nacht ihre
Sonette.
In unseren Liebespausen fror sie immerzu und unsere Wirtin musste uns
zwei Federbetten zum Zudecken und heißen Tee mit Rum bringen.
Beim zweiten Mal haben wir ihr Klopfen nicht gehört und als
sie
uns in einem nicht für Zuschauer geeignetem Augenblick gesehen
hatte, stellte sie das Tablett rappelnd vor unsere Türe. Ich
bin
nicht sicher, ob sie ihrem Mann später gezeigt hat, was sie so
zum
fassungslosen Staunen gebracht hatte, dass sie wie betrunken die Treppe
hinunter stolperte – ich glaube, es war die
„Balinesische Schaukel“
gewesen, die in der norddeutschen Liebes-Praxis als Seltenheit gelten
wird.
Kein englischer Leser wird erfahren, wie nah dieses lyrische Talent
danach Haut an Haut auf meinem Herzen lag und dass sie mein Gesicht mit
ihren herrlichen langen, kastanienbraunen Lockenhaaren zudeckte; sie
dufteten nach wilden Rosen.
Wir brauchten keine Lampe; sie konnte ihre Gedichte
auswendig,
einiges bald auch ich: „Unlike are we“,
„If thou must love me“ und den
ergreifenden Vers „The silver answer rang – not
death, but love“ haben
wir uns im Duett zugesungen und uns dabei geliebt, wie es
schöner
nie sein wird auf dieser Erde.
Wir durften uns unabhängig und nicht an Erwartungszeiten
gebunden
fühlen, deshalb wurden wir uns einig, noch länger
beisammen
zu bleiben. Es drängte uns ans Meer und wir fanden dort am
Strand
eine komfortablere Unterkunft. Elizabeth erzählte mir viel aus
ihrem Leben und von ihren Arbeitsbedingungen; ich gab mich wortkarger,
zeigte aber eine unstillbare Lust, ihre Brüste zu liebkosen
und
Verse mit der Zunge auf ihren Rücken zu schreiben, in Englisch
und
Französisch und Deutsch – sie hat sie alle
verstanden und mich
großherzig belohnt. Sie fand übrigens
großen Gefallen
an den Spielarten der Lustbereitung, die mir von Nadine in Erinnerung
waren…
Unsere nach dieser seligen Woche noch lange brieflich fortgesetzte
Liebesgeschichte und meine lange vergeblichen Bemühungen,
einen
deutschen Übersetzer für Elizabeth zu finden, habe
ich meinem
Auftraggeber verschwiegen. Als wir uns übrigens siebzehn Jahre
später in Florenz wiedertrafen, war sie mit einem
Dichterkollegen
verheiratet, den es überhaupt nicht störte, dass wir
uns
herzlich umarmt und den ganzen nächsten Tag zusammen in den
Kunstschätzen der Stadt verbracht haben. Und wenn ihr annehmt,
dass sie mich nicht in meinem Hotel besucht hat, liegt ihr wieder
einmal falsch.
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Mit meinem Bericht vom
Dichtertreffen war mein
Verleger insgesamt nicht zufrieden, nicht zuletzt, weil er Goethe
blindlings verehrte und weil er Heine nicht mochte.
Die aufregendere Geschichte meiner Kollegin über ein
längeres
Beisammensein mit dem literarischen Busenforscher und Professor
Schiller hätte er zu gern gedruckt; er hatte aber Angst vor
juristischen Folgen, und was Simone über eine Art Beichte des
jedenfalls alle Männer provozierenden Kollegen Villon zu sagen
gehabt hätte, verschwieg sie, weil der sie als Mann und als
Dichter ungemein beeindruckt hatte – immerhin eine halbe
Nacht lang.
Unser Verleger ließ uns Autoren wieder einmal leer ausgehen.
Später erfuhren wir, dass er unsere Geschichten inhaltlich
lächerlich aufgeplustert ins Ausland verkauft hat, sicher mit
Gewinn.
Aus Rache überließ Simone ihre bewegende Erinnerung
an den
abgerissenen französischen Poeten einem anderen
Verleger.
Ich habe sie aus den Augen verloren, hörte aber, dass sie die
viele erstaunende Behauptung verbreitete, von Villon schwanger zu sein.
Ganz unmöglich ist bei Frauen ja nichts, aber vielleicht hat
sie
nur einige Nachterlebnisse verwechselt – das geht mir als
Mann auch oft
so.
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