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Zwischendurch - eine Viertelstunde lesen:

Willem de Haan: Dichtertreffen II

Ein ärgerliches gewordenes Detail war bei der Planung dieser rein musischen Veranstaltung nicht beachtet worden: Die Gäste mussten auch verdauen. Es gab nur zwei die Körperausscheidungen erleichternden Ab-Orte mit Gelegenheit zu  Waschungen, und die waren ständig „belagert“. Das ungeduldige Warten vor diesen Räumen erschwerte manche zwischenmenschliche Beziehung und regte offensichtlich einige Gäste zu etlichen Zettelanschlägen und Abort-Sprüchen an; die meisten mahnten zur Eile und zum Verzicht auf zeitraubende zusätzliche kosmetische Renovierungen oder auf intime Verabredungen. Es erwies sich als vorteilhaft, dass einzelne Dichter, denen man es gar nicht zugetraut hätte, auch noch Lebenspraktischeres als Lesen und Schreiben gelernt hatten; nach einigen schwer ertragbaren Stunden organisierten sie improvisiert weitere Örtlichkeiten.

Am nächsten Morgen habe ich mich gegen Zehn wieder dort eingefunden, gerade rechtzeitig, um zu erleben, wie die literarischen Leuchten und ihre Damen einzeln ziemlich verkatert zum Frühstück kamen. Der Lord klagte über die zu einseitig „kontinentalen“ Bestandteile.
 
Goethe genehmigte sich ohne Rücksicht auf andere Interessenten eine Riesenmenge Rührei mit Schinken. Der bis in sein beneidenswert hohes Alter offensichtlich schürzenjägerisch aktive Dichterfürst versuchte vergeblich, eine verschlafen aussehende, vorteilhaft erblondete Dame zu becircen. Eine Dame neben mir äußerte den Verdacht, dass er sich wohl jeden Morgen Pfeffer in die Unterhose streuen würde. „Streuen lässt“, ergänzte mein anderer Nachbar. Danach verlangte und verteilte Goethe Champagner und lud zu einer angeblichen „Erstlesung“ in den Park.

Als er an mir vorbeiging, sagte er, ohne mich anzublicken: „Wieso hat die Göttliche Sie geküsst? Was haben  Sie ihr versprochen?“

„Womit beeindrucken Sie Ihre Frauen, Exzellenz?“ fragte ich zurück und schob nach: „Vielleicht hat die wunderbare Frau genug von eitlen Männern.“



Es waren nicht viele, die ihn hören wollten. Ich glaube mich zu erinnern, dass es Lessing war, der gut hörbar sagte: „Das Bisschen, das wir lesen, schreiben wir selber!“ Die Bemerkung traf viele, aber jeder hielt sie nach meinem Eindruck und nach einigen Nachfragen für andere zutreffender als für sich selbst.

Heine bekam mehr Publikum bei seinem wohl als Gegenaktion gedachten improvisierten Vortrag, für den er gar nichts Gedrucktes brauchte: Er sprach alle seine Gedichte und einige Prosa-Proben auswendig und wurde einige Male durch freundliche Zurufe ausgerechnet von Börne unterbrochen, der als fast einziger Mann zuhörte. Heine schenkte seinen Zuhörerinnen Champagner ein.  

„Diese Vorliebe haben der große Goethe und ich noch gemeinsam!“ sagte er mir später, als ich mit ihm über kulinarische Genüsse, über falschen Patriotismus und über die Bedeutung von Freudenhäusern für schöpferisch tätige Männer führte und mitschrieb – Letzteres hielt er übrigens für ein lohnendes Dissertationsthema; darüber hätte er viel lieber gearbeitet als weiland über sein staubtrocken juristisches.

Lichtenberg sah und hörte uns über die Schultern zu und steuerte seine Meinung über körperliche Liebe bei, die ich sehr berichtenswert fand, aber leider nicht zitieren darf, weil sein Verleger jedes Bonmot von ihm exklusiv behalten will.

 „Früher waren wir nur von unseren Fürsten abhängig, das war lähmend genug; jetzt pressen uns die Verleger!“ Der schwäbisch tönende Ruf konnte nur von Schiller sein. Er hatte eine ihn anhimmelnde Dame im Arm und küsste sie ungeniert, schauspielerisch gekonnt und selbst in dieser erotisch längst aufgeladenen Szene ungewöhnlich lange vor allen Leuten. Die Dame fand es kein bisschen „shocking“, dass dieser bekennende poetische Busenforscher ihren eigenen vor allen rühmte und seine Worte handgreiflich unterstützte: „Manche griechische Göttin wäre neidisch auf diese herrlichen Brüste!“ Das weckte natürlich die Neugier etlicher herzueilender Dichter, die ja immer auf der Suche nach Inspirationen sind. „Seht einmal“, rief G. A. Bürger aufgebracht, „und dieser Herr hat sich über meine offenen Liebesgedichte mokiert!"

Meine Kollegin Simone blieb verschwunden, wahrscheinlich wagte sie im Selbstversuch wieder, in vorgeblich romantisches Neuland vorzudringen. Ich musste sie nach über zweistündigem Warten entgegen unserer Vereinbarung zurücklassen; vielleicht war sie ja auch gar nicht mehr hier.

Ich sah kein lohnendes Ergebnis des Zusammentreffens von schreibenden notorischen Einzelgängern mehr – außer, dass man sich einmal getroffen hatte und sich so bald nicht mehr wiedersehen wollte. Nach meiner Einschätzung lässt sich auch über dieses Unternehmen kaum Tieferes resümieren, als dass die Krähen wieder einmal den Dohlen geschildert haben, für wie schwarz sie die Raben halten.


Nach der Auflösung des wenigstens in amouröser Hinsicht halbwegs gelungenen Treffens, einem allgemeinen Seufzen über den Sinn dieser aufwendigen Zusammenkunft und der wohl nicht ernst gemeinten Verabredung, in fünf Jahren alles noch besser vorzubereiten, ergab  sich eine abenteuerliche Situation für mich: Die englische Dichterin Elizabeth Barrett, die nicht mit den anderen englischen Schiffspassagieren reisen wollte, ging mit mir zur Poststation. Während ich den schwersten Teil ihres Gepäcks trug, konnte ich an ein scherzhaftes Geplänkel beim Warten vor dem gewissen Örtchen mit ihr anknüpfen und unsere Sympathien für einander erweitern. Entgegen einer an der Station aushängenden Mitteilung ging an diesem Tag kein Postwagen mehr nach Hamburg. Pannen passieren eben.

Wir mussten eine Herberge suchen, fanden die einzige am Ort, und weil dort nur eine Bettkammer verfügbar war, nahmen wir das nach gehörigem Zögern als vom Schicksal sehr zumutend, aber halt so gewollt. Nach einem langen Spaziergang waren wir ganz prosaisch hungrig und ließen uns, weil unten gezimmert wurde, die wenigen nahrhaften Angebote des Hauses nach oben bringen.

Ja, zugegeben, als ich hinter ihr nach oben stieg, war es mit meiner höflichen Reserviertheit vorbei; meine Hände machten sich selbständig. Elizabeth stieß mich spontan abwehrend die steile Treppe hinab; ich stürzte mit Gepolter nach unten und blieb regungslos liegen. Sie eilte schnell zu mir, tätschelte in höchster Sorge mein Gesicht – und weil ich mich immer noch nicht rührte, versuchte sie eine Wiederbelebung mit zärtlich-verzweifelten Küssen, die ihr nach einer Weile den wohl gar nicht mehr erhofften Erfolg brachten. Ich bewies ihr in den nächsten Stunden, dass nur ihre Küsse mich dem Leben zurückgeben und sogar meine vorgetäuschten furchtbaren Schmerzen lindern konnten. Es kam mir allmählich so vor, als ob ihr dieser Liebesdienst auch gut tat – für eine spröde junge Engländerin war das nicht zu erwarten gewesen.

Zu drögem Brot mit Spiegeleiern und lauem Bier erzählte ich Elizabeth einige meiner Erlebnisse. Ganz in Gedanken öffnete sie einige Knöpfe ihres wohl zu engen Gewandes; das blieb von mir nicht unbeachtet und ich nahm es als gutes Omen für einen diesmal günstiger terminierten Frontalangriff. Nicht wahr, ihr denkt auch, dass Engländerinnen kühl und fantasielos und erotisch ungewöhnlich uninteressiert sind? Gut, bleibt nur bei diesem Vorurteil; ich weiß es besser.

Abgesehen von der wundervollen Vertrautheit, die eine Liebesstunde schafft, mochten wir uns. Ich merkte das auch daran, dass mich ihr Zigarrenkonsum nicht mehr störte. Männer, habt ihr jemals eine Zigarrenraucherin geküsst? Und das einmal „danach“?

Danach hörte ich von ihr bis spät in die Nacht ihre Sonette. In unseren Liebespausen fror sie immerzu und unsere Wirtin musste uns zwei Federbetten zum Zudecken und heißen Tee mit Rum bringen. Beim zweiten Mal haben wir ihr Klopfen nicht gehört und als sie uns in einem nicht für Zuschauer geeignetem Augenblick gesehen hatte, stellte sie das Tablett rappelnd vor unsere Türe. Ich bin nicht sicher, ob sie ihrem Mann später gezeigt hat, was sie so zum fassungslosen Staunen gebracht hatte, dass sie wie betrunken die Treppe hinunter stolperte – ich glaube, es war die „Balinesische Schaukel“ gewesen, die in der norddeutschen Liebes-Praxis als Seltenheit gelten wird.

Kein englischer Leser wird erfahren, wie nah dieses lyrische Talent danach Haut an Haut auf meinem Herzen lag und dass sie mein Gesicht mit ihren herrlichen langen, kastanienbraunen Lockenhaaren zudeckte; sie dufteten nach wilden Rosen.

 Wir brauchten keine Lampe; sie konnte ihre Gedichte auswendig, einiges bald auch ich: „Unlike are we“, „If thou must love me“ und den ergreifenden Vers „The silver answer rang – not death, but love“ haben wir uns im Duett zugesungen und uns dabei geliebt, wie es schöner nie sein wird auf dieser Erde.

Wir durften uns unabhängig und nicht an Erwartungszeiten gebunden fühlen, deshalb wurden wir uns einig, noch länger beisammen zu bleiben. Es drängte uns ans Meer und wir fanden dort am Strand eine komfortablere Unterkunft. Elizabeth erzählte mir viel aus ihrem Leben und von ihren Arbeitsbedingungen; ich gab mich wortkarger, zeigte aber eine unstillbare Lust, ihre Brüste zu liebkosen und Verse mit der Zunge auf ihren Rücken zu schreiben, in Englisch und Französisch und Deutsch – sie hat sie alle verstanden und mich großherzig belohnt. Sie fand übrigens großen Gefallen an den Spielarten der Lustbereitung, die mir von Nadine in Erinnerung waren…

Unsere nach dieser seligen Woche noch lange brieflich fortgesetzte Liebesgeschichte und meine lange vergeblichen Bemühungen, einen deutschen Übersetzer für Elizabeth zu finden, habe ich meinem Auftraggeber verschwiegen. Als wir uns übrigens siebzehn Jahre später in Florenz wiedertrafen, war sie mit einem Dichterkollegen verheiratet, den es überhaupt nicht störte, dass wir uns herzlich umarmt und den ganzen nächsten Tag zusammen in den Kunstschätzen der Stadt verbracht haben. Und wenn ihr annehmt, dass sie mich nicht in meinem Hotel besucht hat, liegt ihr wieder einmal falsch.


Mit meinem Bericht vom Dichtertreffen war mein Verleger insgesamt nicht zufrieden, nicht zuletzt, weil er Goethe blindlings verehrte und weil er Heine nicht mochte. 

Die aufregendere Geschichte meiner Kollegin über ein längeres Beisammensein mit dem literarischen Busenforscher und Professor Schiller hätte er zu gern gedruckt; er hatte aber Angst vor juristischen Folgen, und was Simone über eine Art Beichte des jedenfalls alle Männer provozierenden Kollegen Villon zu sagen gehabt hätte, verschwieg sie, weil der sie als Mann und als Dichter ungemein beeindruckt hatte – immerhin eine halbe Nacht lang.

Unser Verleger ließ uns Autoren wieder einmal leer ausgehen. Später erfuhren wir, dass er unsere Geschichten inhaltlich lächerlich aufgeplustert ins Ausland verkauft hat, sicher mit Gewinn.  

Aus Rache überließ Simone ihre bewegende Erinnerung an den abgerissenen französischen Poeten  einem anderen Verleger. Ich habe sie aus den Augen verloren, hörte aber, dass sie die viele erstaunende Behauptung verbreitete, von Villon schwanger zu sein. Ganz unmöglich ist bei Frauen ja nichts, aber vielleicht hat sie nur einige Nachterlebnisse verwechselt – das geht mir als Mann auch oft so.