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Spiessbraten
 

Zwischendurch - eine Viertelstunde lesen:
(mit öfter wechselnden Texten; schreiben Sie uns Ihr Urteil?)


Willem de Haan: Dichtertreffen
(Vorveröffentlichung aus einer druckfertigen Vorlage)

Das wird doch kein Zufall sein!“ Scharfsinnig wie immer, sagte mir das der kleine Professor ins Gesicht. Hätte ich es leugnen sollen und können? Statt einer Antwort lachte ich nur verlegen. Lichtenberg lachte mit und gab mir einen freundlich anerkennend gemeinten Schlag in die Seite.

„Ich möchte nicht an dem dicken Herrn dort vorbeigehen. Bringen Sie mir unauffällig von da drüben eine Champagnerflasche her; ein Glas habe ich schon!“ Ich schlenderte grüßend an Herrn de Balzac vorbei zu dem langen Tisch an der Fensterseite, nahm wie selbstverständlich eine der bauchigen Flaschen mit dem goldenen Etikett und legte noch einige Häppchen mit Räucherfisch und Käse auf einen Teller. Lichtenberg war erfreut. Und ich hatte einen kompetenten Gesprächspartner.

Es war natürlich kein Zufall, dass ich die wesentlich berühmteren Kollegen in diesem stillen und noch nicht sehr bekannten Seebad aufgestöbert hatte. Das war in dem halben Jahr, als ich mal hautnah mitbekommen wollte, wie Dichter aus der Nähe zu erleben sind. Ich hatte einem bekannten Verleger angeboten, für ihn den Sommer über als Sonderkorrespondent tätig zu werden. Er fragte meine Interessen und Fähigkeiten ab und schickte mich nach Einsätzen in London, Florenz und Lissabon hierhin an die Küste. Wie fast regelmäßig hatte ihm Goethes finanziell darbender Eckermann über die Flugpost der Brieftaube Dora außer zwei stark verkleinerten Abschriften von Briefen an seinen Herrn diesen Tipp gegeben. Das Treffen sollte auf keinen Fall bekannt werden.

Die Dichterkollegen waren mit ihren Damen beschäftigt. Ich sah sofort, dass viele sich so um die Frauen bemühten, wie sie es nie mit ihren Angetrauten getan hätten, eher mit ihren Mätressen. Ich aktualisiere: zwei Frauen waren echte Kolleginnen; später sah ich noch eine dritte: von zweien kannte ich ihre Porträts aus den Zeitungen. Übrigens lagen hier überall reichlich deutsche, englische und französische Zeitungen herum. Sie lagen unter und über den Büchern, die die Autoren üblicherweise als Zeugnisse ihrer Bedeutung mitgebracht hatten, manche so viele, wie sie in ihren Reisetaschen tragen konnten. Einige Bücher wurden sogar von einigen durchblättert, wenige verschwanden.

„Die Kollegen muss ich Ihnen nicht vorstellen, nicht wahr? Und die für mich viel interessanteren Frauen kenne ich selbst noch nicht. Sind Sie allein?“ Ich sah den als trinkfreudig bekannten kleinwüchsigen Gelehrten verunsichert den Kopf wiegend an und er erriet meine Antwort. „Ich verstehe“, sagte er kauend, „Sie beide berichten für eine Zeitschrift.“

Ich schämte mich nicht mehr für die Übernahme dieser Auftragsarbeit. Seine Augen suchten die schäkernden Paare ab und blieben an Simone hängen, die sich gerade von Schiller in ihr wirklich sehenswert gestaltetes Dekolletee blicken ließ, ihn dabei selbstverständlich mit einem scheinbar empörten Schlag auf die Finger strafte. Aber der erfahrene Frauenheld hatte offenbar angebissen. Auf eine Gesellschaftgeschichten-Jägerin war er wohl nicht vorbereitet.

Nüchtern schien hier keiner mehr zu sein. „Sie könnten mir noch einen Gefallen tun, Herr Kollege!“ Lichtenberg wies mit einer Kopfbewegung zu einer Gruppe, die an einem weißen Kachelofen stand. „Sehen Sie die Dame in dem gelben Kleid mit dem atemberaubenden Ausschnitt? Sie plaudert mit einigen anderen. Machen Sie uns bekannt, bitte!“

Wieder erriet er meine Gedanken. „Ja, sie ist bald zweieinviertel Köpfe größer als ich, aber das kann ich nicht ändern. Die einzige Dame in meiner Größe, Charlotte Bronte aus England, die mit einer Freundin hergekommen war, ist nach wenigen Minuten empört über die von ihr so gesehene Zuchtlosigkeit der Literaten wieder umgekehrt. Ich konnte sie mit meinem ganzen Charme nicht umstimmen. Versuchen Sie bitte, die Dame in Gelb herzulocken!“








Goethe und Schiller

Ich leerte mein Glas und schlenderte durch den Saal. „Guten Nachmittag, Herr von Fallersleben!“ rief mir ein mir unbekannter bärtiger Wichtigtuer zu; ich zeigte ihm, dass ich mich nicht angesprochen fühlte. Dem rauschebärtigem Professor werde ich doch wohl nicht ähnlich sehen!

Ich holte mir wieder eine Champagnerflasche vom Tisch und bot der Gruppe um die Dame in Gelb an, ihre   Gläser nachzuschenken. Goethe nahm mir danach die Flasche aus der Hand: „Lassen Sie die gleich hier! Wir brauchen sie noch.“ Alle lachten, ich lächelte verunsichert. Er fügte noch hinzu: „Nein, nicht Sie! Lassen Sie sich nicht aufhalten!“ Wieder lachten alle. Empfindlich darf man bei dem Weimarer nicht sein.

Es gelang mir, die Dame in Gelb etwas zur Seite zu locken: „Es geht leider nicht um mich, meine Dame, weil ich eine Gefälligkeit versprochen habe: Unser Gastgeber, der berühmte Physiker und Autor Lichtenberg meint Sie irgendwoher zu kennen. Er würde Sie zu gerne diskret begrüßen.“

Sie sah mich erstaunt an, blickte zu dem kleinen Gelehrten hinüber und sagte dann: „Gern, aber wir kennen uns doch schon länger. Professor Lichtenberg war einige Abende Gast bei meinen Eltern. Vielleicht hat er nicht sehr auf mich geachtet. Kommen Sie…“

Lichtenberg kam uns ein paar Schritte entgegen und küsste der jungen Dame beide Hände. Er strahlte. Ich überließ die Dame seinen Zauberkünsten und sah Simone nach, die sich gerade scheinbar sträubend von Schiller in den Garten ziehen ließ. Simone zwinkerte mir zu.

Obwohl Lichtenberg von der neuen und vielleicht alten Bekanntschaft abgelenkt war, hat er das Zwinkern, wie er mir mit einer Kopfbewegung zeigte, mitbekommen.

Goethe hielt eine Rede, wie immer. Nur die fünf oder sechs Leute in seiner unmittelbaren Umgebung wollten ihm zuhören. Mich wunderte das nicht, denn der Großmeister hatte gerade eine schlechte Presse, bei der es hauptsächlich um seine fragwürdig gewordene moralische Kompetenz ging.


Kürzlich war noch einmal diskutiert worden, dass er seinen Herzog vor Jahren beim Koalitionskrieg gegen Frankreich begleitet und nach der berühmt gewordenen „Kanonade von Valmy“ eine international stark beachtete Aufmunterungsrede gehalten haben soll. Den demoralisierten, hungrigen, vielfach auch verwundeten, aber noch nicht versorgten und noch im Dreck liegenden Soldaten hatte er weismachen wollen, sie hätten in dem für so viele todbringendem Feuersturm einmalig „Historisches“ erlebt. 

Ob es so war, hat kein anderer bezeugt, aber er hatte ihnen nach seiner eigenen Darstellung zugerufen: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Bei all seinen Verdiensten und trotz meiner Bewunderung für sein beispielloses literarisches Schaffen und für sein bisher schon sehr beachtliches Lebenswerk: Für mich war diese propagandistische Leistung eine dreiste Volksverdummung. Er hat sie ja nicht etwa als leicht überschäumender Jüngling verzapft, sondern als gestandener und nebenbei erfolgreich dichtender Staatsmann auf der Höhe seiner erstaunlichen politischen Karriere. Nicht zuletzt fand ich ihn heute Nachmittag ziemlich abstoßend.

Die anderen Männer verzogen sich mit ihren augenblicklichen Begleiterinnen. Auf der Terrasse spielten die Musiker etwas Leidenschaftliches. Ich stolperte über einen sicher versehentlich vorgeschnellten Damenfuß. Dieses Missgeschick hat mir danach drei hochinteressante Nachmittagsstunden beschert.

Rahel kannte fast alle hier im Saal und wusste unendlich viel Hintergründiges, was für mich spannend und aufschreibenswert war. Diese kleine und äußerlich wenig hermachende, hochintelligente Frau hat mich stark inspiriert.

Wir sind nach oben in eins der vielen Gastzimmer gegangen, weil es mir unten für ein intensives Gespräch zu laut war. Ihre Schultern waren schmerzhaft verspannt; sie hat meine Rückenmassage dankbar genossen und mich unaufgefordert wundervoll und unmateriell dafür belohnt. Ihre Berichte haben mich sehr gefesselt, diese Frau überhaupt. Ich habe mir viele Notizen gemacht und etliches dazugelernt...






C.Browning





Alexander Puschkin

Alexander Puschkin
Als wir wieder herunter kamen, wurde Klopstock auf uns aufmerksam; er verwechselte mich mit einem dänischen Hofbeamten. Schon die zweite Verwechslung heute. Für Rahel interessierte er sich nicht, selber schuld! Ohne den selbst umherschwankenden Dostojewskij wären wir ihn noch schwerer losgeworden.

Der penetrant hochmoralische Klopstock war sturzbesoffen, wurde in dieser Verfassung aber vielen immer sympathischer. Die Russen lachten Tränen über die Mitteleuropäer, die so wenig Wein vertragen, obwohl er bei ihnen so reichlich wächst.

Puschkin war in bester Stimmung; Lichtenberg und Bürger hatten ihn als Förderer des ganzen Dichtertreffens gewonnen, diese Sponsoren-Rolle gefiel ihm sichtlich. Der schwarzgelockte Puschkin wurde von allen Damen mehrmals geküsst, immer sechs Mal; sie zogen ihn an seinem gepflegten Backenbart zu ihren Gesichtern und versanken in lange Küsse, sicher nicht nur,  weil er an diesem 6. Juni gerade dreißig Jahre alt geworden war. Das wurde ein beliebtes Spiel. Mehrere Frauen entführten ihn für einige Zeit nach oben; er war überglücklich und strahlte uns alle an. Edgar Allan Poe las ihm aus der Hand, log aber offensichtlich über das düster Vorausgesehene. Puschkin blieb dann lange bei Rahel. 

Alle wunderten sich, dass die göttliche Sappho, die als Ehrengast viel gefeiert wurde, obwohl die meisten sie sich attraktiver vorgestellt hatten, ausgerechnet den als Dichter wenig angesehenen schwäbischen Rebellen Schubart favorisierte – bis ihr Mallarmés graue Augen über dem starken Schnurrbart doch größeren Eindruck machten. Ihre erotische Ausstrahlung und ihre Wirkung auf uns Männer waren enorm.

Von Sappho hörte ich die mir einleuchtende Frage: „Warum habt ihr nur eure Dichterinnen unterdrückt?“ Voltaire gab eine schnelle und erkennbar falsche Antwort: „Wir haben sie totgeliebt, Madame!“  

Sappho sah meinem Gesicht meine Empfindung an. Sie küsste mich auf die Wange und sagte: „Lasst meine Frage noch in euch nachwirken. Es ist an der Zeit…“   

Darüber gab es dann einen wortgewaltigen Disput, der sich bis in das über zweistündige und weinreiche Abendessen hinzog. Lord Byron, der sich selbst zum Leithammel ernannt hatte (wir hatten damals noch kein treffenderes Wort für so einen), schlug für den späten Abend vor, dass einige ihre eigenen Liebesgedichte vortragen sollten.


Vierzehn Dichter meldeten sich als Interessenten für diese Selbstdarstellungen an, darunter auch Sappho und der irgendwie verstört wirkende Brentano, der mich beharrlich für sein überlanges neues Märchen interessieren wollte – ich sollte es meinem Verleger empfehlen. Das habe ich dem geübten Schmeichler auch zugesagt.   
   
Einige schlugen für die Lesung eine Zeitbegrenzung auf zehn Minuten vor, aber der erfahrene Wieland sagte voraus, dass sich die meisten sicher eine längere Zeit nehmen würden – und dann hätten die letzten sechs oder sieben nur noch ein erschöpftes Publikum.

„Also gut, losen wir die Reihenfolge aus“, schlug Lope de Vega vor und wischte Dutzende Zeitungen und Bücher achtlos vom Tisch, weil er sein Weinglas sicherer abstellen wollte. Aber seinen Vorschlag fanden Goethe und Cervantes „unwürdig“, denn sie wollten auf alle Fälle zu den Ersten gehören. Gleim wollte vermitteln, wurde aber von Simon Dach unterbrochen, der unbedingt einen Anfang mit Sappho empfahl.  

Goethe nannte es  jetzt „klüger“, wenn sie den Schluss bilden würde, dann würden sicher alle bis zum Ende bleiben wollen. Die auf mich etwas schwermütig wirkende junge Elizabeth Barrett sprang auf und protestierte gegen diese fadenscheinige Gemeinheit. Rahel sah ich in einem lebhaften Gespräch mit Puschkin, der deutlich Feuer gefangen hatte.

In diesen Augenblicken wurde mit erschreckendem Krachen ein fantastisches Feuerwerk entzündet, das die Umgebung in ein unwirkliches Licht tauchte.

Aus einer Parkecke flüchtete ein halbnackter Andersen; zwei auch nicht mehr vollständig bekleidete Damen eilten ihm kreischend hinterher. Körner bemerkte bissig: „Hoffentlich ist der Märchenerzähler endlich entjungfert worden; diese Wohltat war überfällig.“

Alle lachten und applaudierten Lichtenberg, der das Feuerwerk vorbereitet hatte und sich diebisch über diese gelungene Überraschung freute. Und dann kamen die Tänzerinnen aus dem Hamburger Ballett und tanzten nach der Musik von Jacques Offenbach einen ausgelassenen, frechen Tanz. Sie mussten ihn zweimal wiederholen, und dann versuchten ihn alle mitzutanzen – obwohl unsere Damen anfangs nicht hinnehmen wollten, dass die attraktiven Tänzerinnen durchweg noch begehrenswerter auf uns Männer wirkten.

Von einer Lesung mit Liebesgedichten sprach keiner mehr. Liebesszenen ereigneten sich weiter ohne Unterbrechung, zwanglos wechselnd und wie selbstverständlich verteilt im Park und im mehrstöckigen Haus, das Lichtenberg vorsorglich für drei Tage gemietet hatte. Ich erfuhr, dass Puschkin alles bezahlen wollte: die Miete, die angelieferte Verpflegung, die Musik, die Künstler, zwei Hausmägde und die am Ende erwartbaren Aufräumfolgen.





Tänzerin

Dichtertreffen II
Dichtertreffen - Willem de Haan II