
Göttinger |


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Literarische
Gesellschaft e.V.
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Die Dichterkollegen waren mit ihren
Damen beschäftigt. Ich sah sofort, dass viele sich so um die
Frauen
bemühten, wie sie es nie mit ihren Angetrauten getan hätten,
eher mit
ihren Mätressen. Ich aktualisiere: zwei Frauen waren echte
Kolleginnen;
später sah ich noch eine dritte: von zweien kannte ich ihre
Porträts
aus den Zeitungen. Übrigens lagen hier überall reichlich
deutsche,
englische und französische Zeitungen herum. Sie lagen unter und
über
den Büchern, die die Autoren üblicherweise als Zeugnisse
ihrer
Bedeutung mitgebracht hatten, manche so viele, wie sie in ihren
Reisetaschen tragen konnten. Einige Bücher wurden sogar von
einigen
durchblättert, wenige verschwanden.
„Die Kollegen muss ich Ihnen nicht vorstellen, nicht wahr? Und die
für
mich viel interessanteren Frauen kenne ich selbst noch nicht. Sind Sie
allein?“ Ich sah den als trinkfreudig bekannten kleinwüchsigen
Gelehrten verunsichert den Kopf wiegend an und er erriet meine Antwort.
„Ich verstehe“, sagte er kauend, „Sie beide berichten für eine
Zeitschrift.“
Ich schämte mich nicht mehr für die Übernahme dieser
Auftragsarbeit.
Seine Augen suchten die schäkernden Paare ab und blieben an Simone
hängen, die sich gerade von Schiller in ihr wirklich sehenswert
gestaltetes Dekolletee blicken ließ, ihn dabei
selbstverständlich mit
einem scheinbar empörten Schlag auf die Finger strafte. Aber der
erfahrene Frauenheld hatte offenbar angebissen. Auf eine
Gesellschaftgeschichten-Jägerin war er wohl nicht vorbereitet.
Nüchtern schien hier keiner mehr zu sein. „Sie könnten mir
noch einen
Gefallen tun, Herr Kollege!“ Lichtenberg wies mit einer Kopfbewegung zu
einer Gruppe, die an einem weißen Kachelofen stand. „Sehen Sie
die Dame
in dem gelben Kleid mit dem atemberaubenden Ausschnitt? Sie plaudert
mit einigen anderen. Machen Sie uns bekannt, bitte!“
Wieder erriet er meine Gedanken. „Ja, sie ist bald zweieinviertel
Köpfe
größer als ich, aber das kann ich nicht ändern. Die
einzige
Dame in meiner
Größe, Charlotte Bronte aus England, die mit einer Freundin
hergekommen
war, ist nach wenigen Minuten empört über die von ihr so
gesehene
Zuchtlosigkeit der Literaten wieder umgekehrt. Ich konnte sie mit
meinem ganzen Charme nicht umstimmen. Versuchen Sie bitte, die Dame in
Gelb herzulocken!“ |

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Ich leerte mein Glas und schlenderte durch den
Saal. „Guten Nachmittag, Herr von Fallersleben!“ rief mir ein mir
unbekannter bärtiger Wichtigtuer zu; ich zeigte ihm, dass ich mich
nicht angesprochen fühlte. Dem rauschebärtigem Professor
werde ich doch wohl nicht ähnlich sehen!
Ich holte mir wieder eine Champagnerflasche vom Tisch und bot der
Gruppe um die Dame in Gelb an, ihre Gläser
nachzuschenken. Goethe nahm mir danach die Flasche aus der Hand:
„Lassen Sie die gleich hier! Wir brauchen sie noch.“ Alle lachten, ich
lächelte verunsichert. Er fügte noch hinzu: „Nein, nicht Sie!
Lassen Sie sich nicht aufhalten!“ Wieder lachten alle. Empfindlich darf
man bei dem Weimarer nicht sein.
Es gelang mir, die Dame in Gelb etwas zur Seite zu locken: „Es geht
leider nicht um mich, meine Dame, weil ich eine Gefälligkeit
versprochen habe: Unser Gastgeber, der berühmte Physiker und Autor
Lichtenberg meint Sie irgendwoher zu kennen. Er würde Sie zu gerne
diskret begrüßen.“
Sie sah mich erstaunt an, blickte zu dem kleinen Gelehrten hinüber
und sagte dann: „Gern, aber wir kennen uns doch schon länger.
Professor Lichtenberg war einige Abende Gast bei meinen Eltern.
Vielleicht hat er nicht sehr auf mich geachtet. Kommen Sie…“
Lichtenberg kam uns ein paar Schritte entgegen und küsste der
jungen Dame beide Hände. Er strahlte. Ich überließ die
Dame seinen Zauberkünsten und sah Simone nach, die sich gerade
scheinbar sträubend von Schiller in den Garten ziehen ließ.
Simone zwinkerte mir zu.
Obwohl Lichtenberg von der neuen und vielleicht alten Bekanntschaft
abgelenkt war, hat er das Zwinkern, wie er mir mit einer Kopfbewegung
zeigte, mitbekommen.
Goethe hielt eine Rede, wie immer. Nur die fünf oder sechs Leute
in seiner unmittelbaren Umgebung wollten ihm zuhören. Mich
wunderte das nicht, denn der Großmeister hatte gerade eine
schlechte Presse, bei der es hauptsächlich um seine
fragwürdig gewordene moralische Kompetenz ging.
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Kürzlich war noch einmal diskutiert
worden, dass er seinen Herzog vor Jahren beim Koalitionskrieg gegen
Frankreich begleitet und nach der berühmt gewordenen „Kanonade von
Valmy“ eine international stark beachtete Aufmunterungsrede gehalten
haben soll. Den demoralisierten, hungrigen, vielfach auch verwundeten,
aber noch nicht versorgten und noch im Dreck liegenden Soldaten hatte
er weismachen wollen, sie hätten in dem für so viele
todbringendem Feuersturm einmalig „Historisches“ erlebt.
Ob es so war, hat kein anderer bezeugt, aber er hatte ihnen nach seiner
eigenen Darstellung zugerufen: „Von hier und heute geht eine neue
Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei
gewesen.“
Bei all seinen Verdiensten und trotz meiner Bewunderung für sein
beispielloses literarisches Schaffen und für sein bisher schon
sehr beachtliches Lebenswerk: Für mich war diese propagandistische
Leistung eine dreiste Volksverdummung. Er hat sie ja nicht etwa als
leicht überschäumender Jüngling verzapft, sondern als
gestandener und nebenbei erfolgreich dichtender Staatsmann auf der
Höhe seiner erstaunlichen politischen Karriere. Nicht zuletzt fand
ich ihn heute Nachmittag ziemlich abstoßend.
Die anderen Männer verzogen sich mit ihren augenblicklichen
Begleiterinnen. Auf der Terrasse spielten die Musiker etwas
Leidenschaftliches. Ich stolperte über einen sicher versehentlich
vorgeschnellten Damenfuß. Dieses Missgeschick hat mir danach drei
hochinteressante Nachmittagsstunden beschert.
Rahel kannte fast alle hier im Saal und wusste unendlich viel
Hintergründiges, was für mich spannend und aufschreibenswert
war. Diese kleine und äußerlich wenig hermachende,
hochintelligente Frau hat mich stark inspiriert.
Wir sind nach oben in eins der vielen Gastzimmer gegangen, weil es mir
unten für ein intensives Gespräch zu laut war. Ihre Schultern
waren schmerzhaft verspannt; sie hat meine Rückenmassage dankbar
genossen und mich unaufgefordert wundervoll und unmateriell dafür
belohnt. Ihre Berichte haben mich sehr gefesselt, diese Frau
überhaupt. Ich habe mir viele Notizen gemacht und etliches
dazugelernt...
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Alexander Puschkin
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Als wir wieder herunter kamen, wurde Klopstock
auf uns aufmerksam; er verwechselte mich mit einem dänischen
Hofbeamten. Schon die zweite Verwechslung heute. Für Rahel
interessierte er sich nicht, selber schuld! Ohne den selbst
umherschwankenden Dostojewskij wären wir ihn noch schwerer
losgeworden.
Der penetrant hochmoralische Klopstock war sturzbesoffen, wurde in
dieser Verfassung aber vielen immer sympathischer. Die Russen lachten
Tränen über die Mitteleuropäer, die so wenig Wein
vertragen, obwohl er bei ihnen so reichlich wächst.
Puschkin war in bester Stimmung; Lichtenberg und Bürger hatten ihn
als Förderer des ganzen Dichtertreffens gewonnen, diese
Sponsoren-Rolle gefiel ihm sichtlich. Der schwarzgelockte Puschkin
wurde von allen Damen mehrmals geküsst, immer sechs Mal; sie zogen
ihn an seinem gepflegten Backenbart zu ihren Gesichtern und versanken
in lange Küsse, sicher nicht nur, weil er an diesem 6. Juni
gerade dreißig Jahre alt geworden war. Das wurde ein beliebtes
Spiel. Mehrere Frauen entführten ihn für einige Zeit nach
oben; er war überglücklich und strahlte uns alle an. Edgar
Allan Poe las ihm aus der Hand, log aber offensichtlich über das
düster Vorausgesehene. Puschkin blieb dann lange bei Rahel.
Alle wunderten sich, dass die göttliche Sappho, die als Ehrengast
viel gefeiert wurde, obwohl die meisten sie sich attraktiver
vorgestellt hatten, ausgerechnet den als Dichter wenig angesehenen
schwäbischen Rebellen Schubart favorisierte – bis ihr
Mallarmés graue Augen über dem starken Schnurrbart doch
größeren Eindruck machten. Ihre erotische Ausstrahlung und
ihre Wirkung auf uns Männer waren enorm.
Von Sappho hörte ich die mir einleuchtende Frage: „Warum habt ihr
nur eure Dichterinnen unterdrückt?“ Voltaire gab eine schnelle und
erkennbar falsche Antwort: „Wir haben sie totgeliebt,
Madame!“
Sappho sah meinem Gesicht meine Empfindung an. Sie küsste mich auf
die Wange und sagte: „Lasst meine Frage noch in euch nachwirken. Es ist
an der Zeit…“
Darüber gab es dann einen wortgewaltigen Disput, der sich bis in
das über zweistündige und weinreiche Abendessen hinzog. Lord
Byron, der sich selbst zum Leithammel ernannt hatte (wir hatten damals
noch kein treffenderes Wort für so einen), schlug für den
späten Abend vor, dass einige ihre eigenen Liebesgedichte
vortragen sollten.
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Vierzehn Dichter meldeten sich als
Interessenten für diese Selbstdarstellungen an, darunter auch
Sappho und der irgendwie verstört wirkende Brentano, der mich
beharrlich für sein überlanges neues Märchen
interessieren wollte – ich sollte es meinem Verleger empfehlen. Das
habe ich dem geübten Schmeichler auch zugesagt.
Einige schlugen für die Lesung eine
Zeitbegrenzung auf zehn Minuten vor, aber der erfahrene Wieland sagte
voraus, dass sich die meisten sicher eine längere Zeit nehmen
würden – und dann hätten die letzten sechs oder sieben nur
noch ein erschöpftes Publikum.
„Also gut, losen wir die Reihenfolge
aus“, schlug Lope de Vega vor und wischte Dutzende Zeitungen und
Bücher achtlos vom Tisch, weil er sein Weinglas sicherer abstellen
wollte. Aber seinen Vorschlag fanden Goethe und Cervantes
„unwürdig“, denn sie wollten auf alle Fälle zu den Ersten
gehören. Gleim wollte vermitteln, wurde aber von Simon Dach
unterbrochen, der unbedingt einen Anfang mit Sappho
empfahl.
Goethe nannte es jetzt „klüger“,
wenn sie den Schluss bilden würde, dann würden sicher alle
bis zum Ende bleiben wollen. Die auf mich etwas schwermütig
wirkende junge Elizabeth Barrett sprang auf und protestierte gegen
diese fadenscheinige Gemeinheit. Rahel sah ich in einem lebhaften
Gespräch mit Puschkin, der deutlich Feuer gefangen hatte.
In diesen Augenblicken wurde mit
erschreckendem Krachen ein fantastisches Feuerwerk entzündet, das
die Umgebung in ein unwirkliches Licht tauchte.
Aus einer Parkecke flüchtete ein
halbnackter Andersen; zwei auch nicht mehr vollständig bekleidete
Damen eilten ihm kreischend hinterher. Körner bemerkte bissig:
„Hoffentlich ist der Märchenerzähler endlich entjungfert
worden; diese Wohltat war überfällig.“
Alle lachten und applaudierten Lichtenberg,
der das Feuerwerk vorbereitet hatte und sich diebisch über diese
gelungene Überraschung freute. Und dann kamen die Tänzerinnen
aus dem Hamburger Ballett und tanzten nach der Musik von Jacques
Offenbach einen ausgelassenen, frechen Tanz. Sie mussten ihn zweimal
wiederholen, und dann versuchten ihn alle mitzutanzen – obwohl unsere
Damen anfangs nicht hinnehmen wollten, dass die attraktiven
Tänzerinnen durchweg noch begehrenswerter auf uns Männer
wirkten.
Von einer Lesung mit Liebesgedichten sprach
keiner mehr. Liebesszenen ereigneten sich weiter ohne Unterbrechung,
zwanglos wechselnd und wie selbstverständlich verteilt im Park und
im mehrstöckigen Haus, das Lichtenberg vorsorglich für drei
Tage gemietet hatte. Ich erfuhr, dass Puschkin alles bezahlen wollte:
die Miete, die angelieferte Verpflegung, die Musik, die Künstler,
zwei Hausmägde und die am Ende erwartbaren Aufräumfolgen.
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Dichtertreffen II
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