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Döblin

Verbrannte Bücher, verfolgte Autoren IV


  Erich Mühsam:

Als ich dich fragte: Darf ich Sie beschützen?
da sagtest du: Mein Herr, Sie sind trivial.
Als ich dich fragte: Kann ich Ihnen nützen?
Da sagtest du: Vielleicht ein andres Mal.

Als ich dich bat: Ein Kuss, mein Kind, zum Lohne!
Da sagtest du: Mein Gott, was ist ein Kuss?
Als ich befahl: Komm mit mir, wo ich wohne!
Da sagtest du: Na, endlich – ein Entschluss!
Selma Meerbaum-Eisinger: Schlaflied für die Sehnsucht

O lege, Geliebter,
den Kopf in die Hände
und höre, ich sing’ dir ein Lied.
Ich sing’ dir von Weh
und vom Tod und vom Ende,
ich sing’ dir vom Glücke, das schied.

Komm, schließe die Augen.
ich will dich dann wiegen,
wir träumen dann beide vom Glück.
Wir träumen dann beide
die goldensten Lügen,
wir träumen uns weit, weit zurück.

Und sieh nur, Geliebter,
im Traume, da kehren
wieder die Tage voll Licht.
Vergessen die Stunden,
die wehen und lehren
von Trauer und Leid und Verzicht.

Doch dann -das Erwachen,
Geliebter, ist Grauen
ach, alles ist leerer als je
Oh, könnten die Träume
mein Glück wieder bauen,
verjagen mein wild-heißes Weh!
Bertolt Brecht: Erinnerung an die Marie A.

An jenem Tag im blauen Mond September
still unter einem jungen Pflaumenbaum
da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
in meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
war eine Wolke, die ich lange sah:
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir; ich kann mich nicht erinnern
und doch, gewiss, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich nimmer
ich weiß nur mehr: ich küsste es dereinst.

Und auch den Kuss, ich hätt ihn längst vergessen
wenn nicht die Wolke dagewesen wär
die weiß ich noch und wird ich immer wissen:
sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
doch jene Wolke blühte nur Minuten
und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Edith Södergran: Entdeckung

Deine Liebe verdunkelt meinen Stern,
der Mond geht auf in meinem Leben.
Meine Hand ist nicht zuhaus in der deinen.
Deine Hand ist Begier -meine Hand ist Sehnsucht.
(Ü.: Nelly Sachs)


Rose Ausländer: Ruhe
Ich habe dich immer gesucht
Zuweilen lag ich einen Augenblick in deinem Arm
Kind an der Mutterbrust von deiner Wärme gewiegt
von deinem Schatten beschützt

Du schöne Legende aus tausendundeinem Traum.


Rose Ausländer
Eine Insel erfinden,
allfarbenwie das Licht.
In seinem Schatten
willkommen heißen
die Erde.
Sie bitten, uns aufzunehmen
in Gärten,
wo wir wachsen dürfen,
brüderlich,
Mensch an Mensch.
Claire Goll : Unschlaflied

Ich liege mit deinen Träumen
Märchen mit Wildkatzenaugen
jede Nacht
türkisblau Staunen
Steinte silberne Panther fressen mein Herz
Vögel wachsen
Rosen zwitschern
Sternschaum an goldenen Kugeln tropft
Ich liege mit deinen Träumen
jede Nacht
sterb ich nach dir



Alfred Lichtenstein (1889-1914) Liebeslied

Helle Länder sind deine Augen.
Vögelchen sind deine Blicke,
zierliche Winke aus Tüchern beim Abschied.

In deinem Lächeln ruh ich wie in spielenden Booten
Deine kleinen Geschichten sind aus Seide.
Ich muss dich immer ansehen.



Joachim Ringelnatz: Aus

Nun geh ich stumm an dem vorbei,
wo wir einst glücklich waren,
und träume vor mich hin: es sei
alles wie vor zehn Jahren.

Und du bist schön, und du bist gut
und hast so hohe Beine.
Mir wird so loreley zumut,
und ich bin doch nicht Heine.

Ich klappe meine Träume zu
und suche mir eine Freude.
Auf dass ich nicht so falsch wie du
mein Stückchen Herz vergeude.


Karl Kraus

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war´s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte. (1933)


Erich Mühsam: Soldatenlied

Wir lernten in der Schlacht zu stehn
bei Sturm und Höllenglut.
Wir lernten in den Tod zu gehn,
nicht achtend unser Blut.

Und wenn sich einst die Waffe kehrt
auf die, die uns den Kampf gelehrt,
sie werden uns nicht feige sehn.
Ihr Unterricht war gut.

Wir töten, wie man uns befahl,
mit Blei und Dynamit,
für Vaterland und Kapital,
für Kaiser und Profit.

Doch wenn erfüllt die Tage sind,
dann stehn wir auf für Weib und Kind
und kämpfen, bis durch Dunst und Qual
die lichte Sonne sieht.

Sodaten! Ruft´s von Front zu Front:
Es ruhe das Gewehr!
Wer für die Reichen bluten konnt,
kann für die Seinen mehr.

Ihr drüben! Auf zur gleichen Pflicht!
Vergesst den Freund im Feine nicht!
In Flammen ruft der Horizont
nach Hause jedes Heer.

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
dass ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.

Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei.

Alfred Kerr: Fannie

Du warst nicht schön. Von „farbenprächtiger Sattheit“
ließ sich beim besten Willen nichts bemerken.
Nein, diese bleichsuchtblasse tote Mattheit
vermochte durstige Augen nicht zu stärken.

Die Nase war noch ziemlich zu ertragen.
Der Mund gewöhnlich. Und das Haar nicht hässlich.
Nein, Fannie, mehr kann wirklich niemand sagen:
Du warst nicht schön. Du bist nur unvergesslich.


Joachim Ringelnatz: Die neuen Fernen

In der Stratosphäre,
Links vom Eingang, führt ein Gang
(Wenn er nicht verschüttet wäre)
sieben Kilometer lang
bis ins Ungefähre.

Dort erkennt man weit und breit
nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit.
Wenn man da die Augen schließt
und sich langsam selbst erschießt,
dann erinnert man sich gern
an den deutschen Abendstern.



Heinrich Heine: Lebensgruß

Eine große Landstraß ist unsere Erd,
wir Menschen sind Passagiere;
man rennet und jaget, zu Fuß und zu Pferd,
wie Läufer oder Kuriere.

Man fährt sich vorüber, man nicket, man grüßt
mit dem Taschentuch aus der Karosse;
man hätte sich gerne geherzt und geküsst,
doch jagen von hinnen die Rosse.

Kurt Schwitters

Meine süße Puppe, mir ist alles schnuppe,
wenn ich meine Schnauze auf die deine bautze. 


Bertolt Brecht: Wenn Herr K. einen Menschen liebte

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“
„Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“


Bertolt Brecht: Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?


Hilde Domin
Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Hilde Domin
Wer es könnte
die Welt hochwerfen,
dass der Wind hindurchfährt!
Heinrich Heine

Selten habt ihr mich verstanden, selten auch verstand ich euch, nur wenn wir im Kot uns fanden, so verstanden wir uns gleich.


Walter Mehring (schrieb als Kabarettist im Exil):

Dass diese Zeit uns wieder singen lehre
die guten Lieder eines bösen Spotts
selbst wenn uns Herz und Sinn danach nicht wäre
nur euch zum Trotz!


Werner Finck: Das Schwert des Damokles

Am seidnen Faden hing ein Schwert,
sich auf mein Haupt zu laden.
Glaubt ihr, dass mich das Schwert gestört?
Mich schreckte nur der Faden.


Kurt Tucholsky

„Der Krieg“, hat einmal ein sterbender französischer Offizier gesagt, „ist eine viel zu ernste Sache, als dass man ihn den Militärs anvertrauen könnte.“


Alfred Kerr: Flausen
Mensch, mein Urteil will nicht frech sein und ich übe gern Geduld; neunmal Pech mag neunmal Pech sein – aber zehnmal Pech -ist Schuld.


(Zusammenstellung und Erläuterungen: Helmut W. Brinks)