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Verbrannte Bücher, verfolgte Autoren III


Hermann Hesse: Abends

Abends gehn die Liebespaare langsam durch das Feld.
Frauen lösen ihre Haare, Händler zählen Geld,
Bürger lesen bang das Neuste in dem Abendblatt,
Kinder ballen kleine Fäuste, schlafen tief und satt.

Jeder tut das einzig Wahre, folgt erhabner Pflicht,
Säugling, Bürger, Liebespaare - und ich selber nicht?
Doch! Auch meiner Abendtaten, deren Sklav ich bin,
kann der Weltgeist nicht entarten, sie auch haben Sinn.
 
Und so geh ich auf und nieder, tanze innerlich,
summe dumme Gassenlieder, lobe Gott und mich,
trinke Wein und phantasiere, dass ich Pascha wär,
fühle Sorgen an der Niere, lächle, trinke mehr,

sage ja zu meinem Herzen (morgens geht es nicht),
spinne aus vergangnen Schmerzen spielend ein Gedicht,
sehe Mond und Sterne kreisen, ahne ihren Sinn,
fühle mich mit ihnen reisen, einerlei wohin.

Mascha Kaléko: Kalendervers auf den Mai

Man ist nie wieder so verliebt,
wie grad in diesem Jahr,
Und scheint auch manches wunderbar,
es wird nichts, wie’s schon einmal war.
Man ist nie wieder so verliebt.
Das ist nun einmal wahr.
Rose Ausländer: Liebesgedicht

Des Geliebten Nächte zu entzünden,
will ich augenspendend süß erblinden.
Des Geliebten Atem zu umkosen,
wandelt sich mein Blut in tausend Rosen.


Ricarda Huch: Liebesreime

Der Teufel soll die Sehnsucht holen!
Ich lieg’ in einem Bett von Nesseln,
auf einem Bett von glüh’nden Kohlen,
in einem Netz von eh’rnden Fesseln!

Das Auge sehnt sich aus der Höhle.
Der Busen sehnt sich aus dem Mieder;
ich wollt’, es sehnte auch die Seele
sich aus dem Leib und käm nicht wieder

Gertrud Kolmar: Aus „Nächte“ 

Siehe, ich bin ein Garten,
den du gen Abend erreicht
...bin unterm südlichen Hauch,
der die Ruhende streicht,
eine schmale, blasse Wiese.
Erschauerndes Gräsergefilde,
lieg ich bereit und bloß ....


Paula Ludwig:

Ach, ich stürzte in einen Heckenrosenstrauch.
Nun weiß ich nicht was mich gefangen hält:
Sind es die zarten Dornen
oder ist es der wilde Rosenduft?

Erich Fried: Fester Vorsatz:

Denn wir wollen uns nicht nur herzen
sondern auch munden und hauten
und haaren und armen und brüsten
und bauchen und geschlechten
und wieder handen und fußen

Paula Ludwig

Ich kann nur die Flöte spielen und nur fünf Töne

Wenn ich sie an die Lippen hebe,
kehren die Karawanen heim
und in dunklen Scharen die Vögel

Dann rudern die Fische ans Ufer
und aus den Morgenländern kommt
duftend der Abend zurück

Am Stamme des Ahorn
lehn ich im Schatten des Efeus
und sende mein Lied nach dir aus.

Kurt Tucholsky: Sie schläft

Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bisschen mit –
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück –
Die Zeituhr geht ihren harten Schritt…pick – pack

…„Sie schläft mit ihm“ ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen,
aber dein Atem fächelt immerfort.

Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück – Jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.Morgens,
im letzten Schlummer ein Stück,
kann ich dein Gefährte sein.

Eugen Roth: Erfolgloser Liebhaber

Ein Mensch wollt´sich ein Weib erringen,
doch leider konnt´s ihm nicht gelingen.
Er ließ sich drum, vor weitren Taten,
von Fraun und Männern wohl beraten:

„Nur nicht gleich küssen, tätscheln, tappen!“
„Greif herzhaft zu, dann muss es schnappen!“
„Lass deine ernste Absicht spüren!“
„Sei leicht und wahllos im Verführen!“

„Der Seele Reichtum lege bloß!“
„Sei scheinbar kalt und rücksichtslos!“
Der Mensch hat alles durchgeprobt,
hat hier sich ehrenhaft verlobt,

hat dort sich süß herangeplaudert,
hat zugegriffen und gezaudert,
hat Furcht und Mitleid aufgeweckt,
hat sich verschwiegen, sich entdeckt,

war zärtlich kühn, war reiner Tor,
doch wie er´s machte – er verlor.
Zwar stimmte jeder Rat genau
doch jeweils nicht für jede Frau.

Kurt Tucholsky: Parc Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur ZIVILIST.
Hier darf ich links gehen. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem gelben Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus,
ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.