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Yvan Goll: Schlaf ohne Furcht

Schlaf ohne Furcht:
Ich führe deine Träumeweiden
auf der mondenen Wiese,
die mit Apfelbäumen bestickt ist.
Lass grasen dort die Hoffnungszicklein
am Sternbusch überm Abgrund,
der ins Leben hin abstürzt,
wo Räuber und Wölfe lauern
...Ahoi! Ein Ruf von mir:
Und unsere Liebe findet
zur sicheren Lichtung zurück,
mondumrauscht
hinter dem Dickicht des Schicksals.


Verbrannte Bücher, verfolgte Autoren II


Erich Kästner: Kleines Solo

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine:

Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist…

Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.

Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
Heinrich Heine

Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied, kling hinaus ins Weite.
Kling hinaus, bis an das Haus, wo die Blumen sprießen. Wenn du eine Rose schaust, sag, ich lass sie grüßen.
Edith Södergran

Du suchtest eine Blume und fandst eine Frucht.
Du suchtest eine Quelle und fandst ein Meer.
Du suchtest eine Frau und fandst eine Seele -
du bist enttäuscht (Ü.: Nelly Sachs)

Joachim Ringelnatz: Schiff

Wir haben keinen günstigen Wind.
Indem wir die Richtung verlieren,
Wissen wir doch, wo wir sind.
Aber wir frieren.

Und die darüber erhaben sind,
Die sollten nicht allzuviel lachen.
Denn sie werden nicht lachen,
Wenn sie blind Eines Morgens erwachen.

Das Schiff, auf dem ich heute bin,
Treibt jetzt in die uferlose,In die offene See. -
Fragt ihr: „Wohin?“
Ich bin nur ein Matrose. (1931)


Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielen Sternenhände vier
Die Mondfrau sang im Boote -
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür...

Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
Ich aß vom bitteren Brote
Mir lebend schon die Himmelstür
Auch wider dem Verbote.

Stefan Zweig: Die Zärtlichkeiten

Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Fragen sind und halb schon Anvertraun,
weil hinter ihnen schon die andern Stunden schreiten,
die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Werner Finck: An Ruth

Mein Herz blüht auf. Ich bin direkt erschrocken!
Denn, unter uns, ich hielt´s für ziemlich abgebaut.
Doch scheint es sich noch einmal aufzustocken.
Und kurz und gut, ich habe wieder einmal eine Braut.

Braut ist zuviel. Geliebte auch nicht richtig;
wir machen´s mehr auf gute Kameraden.
(Das andre ist ja wirklich halb so wichtig,
und wird’s mal wichtig, kann´s ja auch nicht schaden.)

Ich tue das, was ein Verliebter meistens tut,
ich brumme Schlagertexte vor mich hin,
schreib Verse nieder, nenne sie „An Ruth!“
Und freu mich schrecklich, wenn ich einmal bei ihr bin.

Erich Fried : Was es ist

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist Unglück, sagt die Berechnung,
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht,
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.


Mascha Kaléko: Für einen

Die andern sind das weite Meer,
du aber bist der Hafen.
So glaube mir: Kannst ruhig schlafen,
ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,
sie ließen meine Segel leer.
Die andern sind das weite Meer,
du aber bist der Hafen.

Du bist der Leuchtturm, letztes Ziel,
kannst, Liebster, ruhig schlafen.
Die andern -das ist Wellenspiel,
du aber bist der Hafen.

Paul Celan:

So bist du denn geworden
wie ich dich nie gekannt:
dein Herz schlägt allerorten
in einem Brunnenland,

wo kein Mund trinkt
und keine Gestalt die Schatten säumt,
wo Wasser quillt zum Scheine
und Schein wie Wasser schäumt.

Du steigst in alle Brunnen,
du schwebst durch jeden Schein.
Du hast ein Spiel ersonnen,
das will vergessen sein

Else Lasker-Schüler (1869-1945): Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.
Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
maschenabertausendweit.
Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?