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Rose Ausländer: Spielen


Das Leben spielt uns
Wir fahren auf Wegen und Wassern
Wir essen und trinken was sich uns gibt
Wir lieben die Liebe
Wir spielen das Leben


Verbrannte Bücher, verfolgte Autoren


Zur Erinnerung an den 10. Mai 1933
Entwurf eines Erinnerungsabends

Die Texte dürfen aus urheberrechtlichen Gründen nur privat gelesen werden; bei öffentlichen Veranstaltungen und Verbreitungen müssen die Texte aller noch nicht vor 71 Jahren gestorbenen Autoren ausgelassen werden (wenn dafür nicht eine Genehmigung der jeweiligen Verlage erteilt wurde).

Bertolt Brecht: Denn wovon lebt der Mensch?

Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
und Sünd und Missetat vermeiden kann
zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

Ihr, die ihr euren Wanst - und unsre Bravheit liebt
das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihrs immer schiebt
erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein auch armen Leuten
vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst.
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.

Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
Der Mensch lebt nur von MISSETAT allein!

Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
und ihre Augen einwärts drehen kann.
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

Ihr, die auf unsrer Scham und eurer Lust besteht –
das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihrs immer schiebt
erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein auch armen Leuten
vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt, frisst.
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.

Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
Der Mensch lebt nur von MISSETAT allein! (1929)



Was wir endgültig loswerden wollen, zerstören wir, zum Beispiel durch Verbrennen. Das soll keiner sehen. Wenn wir etwas öffentlich verbrennen, soll es jeder sehen, dann soll es ein Spektakel sein, über das die Zuschauer nachdenken sollen. So wurden früher Hexen verbrannt, mitten in der Stadt und als öffentliches Spektakel.

Die Bibel erwähnt Verbrennungen von Büchern; im Islam war es oft ein religöses Ereignis –
besonders spektakulär in der Bücherhochburg Alexandria.

In mehreren Kulturen haben es Menschen so gehalten – mit Menschen und mit Dingen, mal aus Wut, mal mit Ehrfurcht – wie bei rituellen Totenverbrennungen.

Wir in Europa haben Erfahrungen mit Hexenverbrennungen, besonders in der Terrorherrschaft der Inquisition. Bei der Bundesfeier
am 2. 7. 1773, das war des verehrten Klopstocks Geburtstag, verbrannten die radikal-romantischen Studenten des „Göttinger Hainbundes“ feierlich das von ihnen für „unsittlich“ gehaltene Märchen „Idris und Zenide“ des zeitgenössischen Dichters und Philosophie-Professors Christoph Martin Wielands.

Auch beim Wartburgfest der deutschen Studenten im Oktober 1817 verbrannten die Teilnehmer von ihnen so gewertete „Schandschriften
des Vaterlandes“, u.a. das Hauptwerk des Schweizer antidemokratischen Staatsrechtlers Karl Ludwig von Haller „Die Restauration“ der Staatswissenschaft“ und von Kotzebues „Deutsche Geschichte“

(Goethe spottete damals „Dass du dein eigen Volk gescholten, / Die Jugend hat es dir vergolten“.
Ihm gingen erst die Augen auf, als Kotzebue bald darauf ermordet wurde…)


Heinrich Heine schrieb am 11.1.1825 an seinen Freund Moser: „…ich habe gestern Abend darin (in der Hist. Lit. reformationis, Fol. 2, von der Hardt)
die Reuchlin´sche Schrift gegen das Verbrennen der hebräischen Bücher mit großem Interesse gelesen. Er wusste von Bücherverbrennungen in chinesischen und in arabischen Kulturen. Die waren weit weg, als er eine seiner Theaterfiguren vor fast 190 Jahren dunkel ahnungsvoll sprechen ließ: „Das war ein Vorspiel nur; dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“.

Hat der im Ausland heute noch beliebteste deutsche Dichter jüdischer Herkunft vorausgeahnt, dass wir Deutsche einmal alles bisher Erlebte
nur 113 Jahre später millionenfach übertreffen würden? In Deutschland wurden längst nicht nur Bücher verbrannt: die grausamste Nazi-Variation von Verbrennungen war die Kremation von Juden, Roma, Homosexuellen, Behinderten und Staatskritikern wie Sozialdemokraten und Kommunisten.
Ende Januar 1933 waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Es hätte keine Überraschung mehr sein dürfen, dass sie eine abstruse Auffassung von Rassenreinhaltung, von sogenannter „undeutscher Art“ und von einer gleichgeschalteten Kultur hatten. Und dass sie brutal mit ihren Gegnern umgehen würden. Es durfte keine Opposition geben; alle Kritiker sollten „ausgemerzt“ werden.


Egon Erwin Kisch - Der rasende ReporterErich Maria Remarque - Im Westen nichts Neues Franz Werfel - Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig Thomas Mann - Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft Thomas Mann - Mario und der ZaubererHeinrich Mann - Der Untertan Kurt Tucholsky - Deutschland Deutschland über allesAlfred Döblin - Berlin Alexanderplatz


Nur dreieinhalb Monate nach der Machtergreifung Hitlers brannten in den meisten Groß- und Universitätsstädten auf zentralen Plätzen Scheiterhaufen, auf denen Bücher von unliebsamen, die Nazidiktatur angeblich gefährdenden Autoren, die Studenten in Tag-und Nachtarbeit vorher auf „Schwarzen Listen“ zusammengestellt hatten, von „Feuersprüchen“ begleitet, öffentlich verbrannt wurden.

<<< Stop und Info bei Mouseover

Mit dem Reichstagsbrand wenige Tage vor der Reichstagwahl im März 1933 hatte es begonnen, bald darauf verbrannten die als „undeutsch“ bezeichneten Bücher, darauf folgte 5 Jahre später der Brand der Synagogen, darauf folgte die Aussonderung und Ermordung der Juden, der Roma, all der für den Staat unbequem und unerwünscht gewordenen Menschen; schließlich wurde es der Kampf gegen die ganze Welt mit unzähligen Opfern auf allen Seiten.

Daneben kamen rücksichtslose Berufsverbote für Komponisten, Sänger, Schriftsteller, Schauspieler, Filmleute, Maler, Bildhauer, Wissenschaftler, Techniker… Zehntausende, die unsere Kultur, Denken und Wissen mitgeprägt haben, wurden aus dem Land vertrieben, nicht selten in den Tod getrieben oder systematisch erfasst und ermordet. Es war eine gigantische, idiotische und selbstmörderische Ausblutung der deutschen Kunst und Wissenschaft, von derwir uns schwer erholten und unter der wir immer noch leiden.

Wir denken heute an den Tag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933,
zugleich an die Autorinnen und Autoren, die ermordet oder mundtot gemacht wurden.


Unser Abend heißt „Verboten, verfolgt, verbrannt - nur deutscher Bierernst war erlaubt“. Deshalb werden Sie – vielleicht unerwartet - besonders Heiteres hören, Leichtsinniges, Riskantes, Ironisches, Satirisches – von Autorinnen und Autoren, die auf der Abschussliste der Nazis standen.

„Der Mensch lebt von der Missetat allein“ – haben wir eben von Bertolt Brecht gehört. Ausgerechnet in einem Liebesgedicht, das noch folgt, sagt Joachim Ringelnatz „Die Zeit entstellt alle Lebewesen“. Müssen wir damit rechnen und uns abfinden?

Wir rufen nur einige der heute noch bekanntesten Schriftstellernamen in Erinnerung:

Ernst Barlach, Bertolt Brecht, Max Brod, Elias Canetti, Alfred Döblin, Kasimir Edschmid, Hans Fallada, Lion Feuchtwanger, Marie Luise Fleisser, Sigmund Freud, Hans Habe, Heinrich Heine, Reinhard: Stefan Heym, Else Lasker-Schüler, Franz Kafka, Mascha Kaléko, Erich Kästner, Alfred Kerr, Hermann Kesten, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Annette Kolb, Gertrud Kolmar, Erika Mann, Heinrich Mann, Klaus Mann, Thomas Mann, Karl Marx, Carl von Ossietzky, Theodor Plievier, Erich Maria Remarque, Alexander Roda-Roda. Arthur Schnitzler, Anna Seghers, Upton Sinclair, Hilde Spiel Friedrich Torberg, B. Traven, Kurt Tucholsky, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig, Carl Zuckmayer.

Verbrannte Bücher, verfolgte Autoren IIHeinrich Heine Teil II