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Zwischendurch - eine Viertelstunde lesen:
(mit öfter wechselnden Texten; schreiben Sie uns Ihr Urteil?)


Unser Wolf
David Albahari, * 1948 in Pec, Serbien / Ü.: Willem de Haan

Nach Jahren waren wir wieder einmal zusammen. Aufgekratzt zogen wir durch die Stadt unserer Kindheit. Auf der Nordbrücke trafen wir den „Wolf“, unseren alten, schrecklichen Lehrer. Er schaute in den Fluss. Wir sprachen ihn an. Er erkannte uns nicht. Wir sagten ihm:
„Wir sind doch die Kinder, die bei Ihnen auf Kastanien knien mussten.“

Er schien sich nicht zu erinnern, auch nicht, als wir sagten: „Sie haben den Klassenraum verdunkelt und uns vorgemacht, dass ein hungriges Krokodil hereinkommt und uns zerfleischt.“
„Das stimmt nicht“, sagte er; „ich habe nie ein Krokodil gespielt.“
„Und denken Sie auch noch an unseren Ausflug, bei dem unser kleiner Richard in einen Brunnen fiel? Wir waren zu schwach, um ihn heraus zu ziehen; er weinte und wimmerte lange – und dann war es still, totenstill!“
„Davon weiß ich nichts“, sagte der „Wolf“. „Ich kannte keinen kleinen Richard.“
„Das ist doch das Letzte“, empörte sich eine von uns und andere schrien:
„Werfen wir ihn doch in den Fluss! Dann spürt er, wie man einsam stirbt.“
Wir waren viele und wir schafften es, ihn über das Brückengeländer zu werfen. Wir waren erleichtert.

Bis einer sagte: „Und wenn es gar nicht unser „Wolf“ war?“ Auf einmal hatte es jeder von uns eilig.