 Göttinger |


|  Literarische
Gesellschaft e.V. |
 
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Thilde
am Telefon - Jürgen. Ein
Drei-Minuten-Hörspiel von © Helmut W. Brinks. Denken Sie sich eine Eingangsmusik.
 Thilde
(haucht verführerisch) Callcenter Casanova: Wie kann ich auf Ihre
Wünsche eingehen? Ich bin Genoveva.
Mann: Hallo,
Genoveva, was hast du heute an?
Thilde: Du meinst
unter dem Seidenschal? Nur mein umwerfendes Parfüm.
Mann:
Wie schön für den, der in deiner Nähe sein darf.
Thilde
(mit normaler Stimme): Kann das sein, dass wir uns kennen?
Mann:
Aber ja. Ich bin der Jürgen.
Thilde: Jürgen… Jürgen
– welche Schublade muss ich aufziehen?
Jürgen: Kreta
1997, Köln 2002 …
Thilde: Mensch, Sohn des Apollo.
Wo bist du – ich hoffe, auf dem Wege zu uns!
Jürgen:
Nein, leider nicht, ich bin in Heidelberg.
Thilde:
Hat man dir endlich eine Professur angeboten?
Jürgen:
Das steht immer noch aus. Könnte ich auch grad nicht gebrauchen.
Thilde:
Also Schlimmeres: Ärger mit dem Finanzamt? Quatsch, sag erst mal, was
das Leben aus euch macht. Maria – wie geht’s Maria?
Jürgen:
Bestens, danke. Sie strotzt vor Gesundheit.
Thilde:
Da haben wir´s: Du pfeifst aus dem letzten Loch.
Jürgen:
Kann gut sein. Ich hab Krebs.
Thilde: Willkommen im
Club! Was hast du dir ausgesucht?
Jürgen: Den
beliebtesten Männer-Krebs. Ich kann das eklige Wort gar nicht
aussprechen.
| |  |  Thilde: Frühstadium?
Jürgen:
Sieht so aus. Kam bei einer Vorsorgeuntersuchung raus. Sofortige
Operation wird dringend empfohlen.
Thilde: Habt ihr
über andere Möglichkeiten gesprochen? Ich glaub es gibt welche.
Jürgen:
Also Maria weiß es noch nicht. Mein Professor meint: Versuchen kann man
einiges, aber das Sicherste ist immer noch „raus und weg“. Denn es kann
nachwachsen und dann ist Schluss mit lustig.
Thilde:
Wie kann ich als Frau und als Laie einen Rat geben?
Jürgen:
Als Frau! Deshalb ruf ich dich ja an: Mein Hauptgedanke ist: Wie kann
Maria damit fertig werden?
Thilde: Was ist deine
Sorge?
Jürgen: Die Operation ist wie eine
Kastration. Damit ist alles weg. Nichts mehr mit Lust.
Thilde:
Nun mal halblang! Du gehst davon aus, dass du eventuell möglicherweise
und vielleicht nicht mehr wie gewohnt mit Maria schlafen kannst und
nebenbei überhaupt Frauen nicht mehr gefährlich werden kannst.
Jürgen:
Thilde, das ist doch vorhersehbar!
Thilde: Sag mal, auf wie viele Art
kannst du dir Liebe und Zärtlichkeit vorstellen? Nur auf die eine Art?
Jürgen:
Nein, natürlich nicht.
Thilde: Was schätzt du – auf
wie viele Arten?
Jürgen: Weiß ich nicht. Zehn
vielleicht, zwölf. Das weiß ich auswendig nicht. Thilde:
Versteh ich. Mach dir die Arbeit, schreib es auf, nummeriere und dann
streiche das eine Problem weg. Übrigens: Wer sagt denn, dass das alles
vorbei ist?
Jürgen: Der Professor hat mir alle
Möglichkeiten geschildert. Er hat so eine komische Formulierung
gebraucht: "Es besteht die Chance, dass Sie keine Erektionen mehr
haben."
Thilde: Himmel noch mal! Wird das nicht
immer maßlos überschätzt?
Jürgen: Was denn, wie
denn? Das sagt eine erfahrene Frau?
Thilde: Ja. Du
kannst Maria mehr zumuten. Und du kannst es ihr leichter machen.
Jürgen:
Das sagst du so.
Thilde: Jetzt mach keine
Riesensache daraus. Hol dir, wenn du unsicher bist, noch ein zweites
Gutachten, aber dann: ran. Krebs wartet nicht untätig.
Jürgen:
Du hast da deine Erfahrungen?
Thilde: Sagte ich
nicht: Willkommen im Club? Jetzt haben wir genug über Krankheiten
geredet. In einem halben Jahr hast du alles vergessen. Sprich sofort
mit Maria.
Jürgen: Ich hab Angst davor.
Thilde:
Typisch Mann! Wir Frauen halten mehr aus als ihr Kerle.
Jürgen: Dafür werdet ihr auch älter
als wir.
Thilde: Eben. Wir machen auch nicht so viel
Theater um kleine Problemchen.
Jürgen: Kleine?
Thilde:
Ja, kleine! Meinst du nicht, dass Millionen Leute sagen würden: Deine
Sorgen möchte ich haben!
Jürgen: Hm. Du gibst mir
ganz schön zu denken.
Thilde: Wird ja auch mal Zeit.
Sag Maria ruhig, dass wir darüber gesprochen haben. Ich ruf in
spätestens drei Wochen an und frag, wie es aussieht.
Jürgen:
Du meinst, ob es mich dann noch gibt.
Thilde: O.K.,
tu ruhig mal so, als wenn bald Schluss wäre. Ich glaube, das würde uns
allen gut tun.
Jürgen: Danke, grüß deine Lieben.
Schön, dass es dich gibt.
Thilde: Schön, dass du`s
merkst, Tschüss und alle guten Wünsche für euch beide.
Jürgen:
Tschüss, Thilde.
Musik.
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