 Göttinger |


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Gesellschaft e.V. |
 
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Thilde
am Telefon - Anastasia. Ein
Drei-Minuten-Hörspiel von © Helmut W. Brinks. (Um Ihren Speicherplatz zu sparen,
können Sie lesen statt hören.)
 2
Frauenstimmen, Musik (russische Klaviermusik)
(Das
Telefon klingelt. Wie bei ihr üblich, meldet sich Thilde mit einer
schnell erfundenen Ansage:)
Thilde:
Partnervermittlung Rosenstrauch. Sie haben Sehnsucht nach einem
kostbarem Schatz?
Anastasia (mit einem etwas hartem,
schwer definierbarem Akzent): Oh, bin ich falsch verbunden? Ich wollte
meine Freundin Thilde …
Thilde: Frau Putin, sind
Sie`s?
Anastasia lacht: Madonna! Dass du mich mit
der verwechselst! Ich bin Anastasia.
Thilde: Du
wilde Schönheit! Wir haben ewig lange nicht mehr zusammen gefeiert. Wo
bist du?
Anastasia: In Bremen. Aber morgen muss
schon wieder in München sein. Wie geht es dir?
Thilde:
Man hungert sich so durch, sagen die Dicken immer. Und was macht das
Leben aus dir? Du warst doch mit diesem Pianisten aus Kasachstan
zusammen, aber das ist wohl zu lange her.
Anastasia:
Sehr lange vorbei. Unsere Termine waren zu verschieden.
Thilde:
Eure Termine oder eure Temperamente?
Anastasia:
Vielleicht beides. Er hatte Konzerte in England und Kanada und ich
hatte Drehverpflichtungen in Italien und Ungarn und Österreich … Hast
du meinen letzten Film gesehen?
Thilde: Ich bin
nicht sicher. War das die Flugzeuggeschichte?
Anastasia:
Nein, es war eine Katzen-Story. Ich musste dauernd mit Katzen schmusen,
sie waren überall im Studiozimmer, sogar in meinem Bett.
| |  |  Thilde: Aber da war doch sicher noch
ein Platz neben dir frei?
Anastasia: Ja, sicher.
Aber das war doch nur eine Filmgeschichte. Nur oberflächlich.
Thilde:
Aber du hast doch hoffentlich gerade jemand, der die die Füße wärmt!
Anastasia:
Im Augenblick nicht – so komisch das klingt. Aber du kommst nie darauf,
wie wir uns kennengelernt haben, ich meine den letzten. Das war absolut
einmalig.
Thilde: Also auf dem Damen-Klo.
Anastasia:
Verdammt, wie kommst du darauf! Beinahe war es so, jedenfalls ganz nahe
dran.
Thilde: Erzähle, aber schnell!
Anastasia:
Es war in Wien. Wir haben in der Altstadt gedreht. Mittendrin musste
ich mal meinen Kaffee loswerden und bin in ein Hotel gestürzt. Das Klo
habe ich gut gefunden. Alles ist gut gegangen. Die wunderbare
Erleichterung nach der glücklichen Entleerung – schöner als jeder
Orgasmus.
Thilde: Ja, kann ich dir nachfühlen. Und
dann?
Anastasia: Und dann ging meine Hose nicht mehr
zu.
Thilde: Wie das?
Anastasia:
Der Reißverschluss! Wie heißt das Ding da dran. Der Griff …
Thilde:
Ich verstehe. Der war eingeklemmt?
Anastasia: Ja,
war er. Er war ganz unten in einer Falte oder so was umgefallen …
Thilde:
So eingeknickt, der Hebel. Kenn ich. Das Biest geht dann nicht mehr zu.
Anastasia:
Ich war hilflos. Meine Hose war etwas eng und ich konnte sie nicht
auflassen, aber es war nichts zu machen, der Reißverschluss ging nicht
mehr zu …
Thilde: Und dann? Wie üblich –
kein Mensch in der Nähe, der helfen kann?
Anastasia
(anfangs laut): Nein! Niemand! Ich war erst ganz ruhig, aber nach ein
paar Minuten kam ich ins Schwitzen. Ich konnte unmöglich
so rausgehen.
Thilde: Dann hast du in deiner Tasche
gesucht …
Anastasia: Na klar, ich brauchte irgendein
scharfes oder spitzes Ding. Aber ich hatte nichts – Spiegel, Puder,
Lippenstift, Pillendose und das Übliche …
Thilde:
Alles zu rund oder zu weich!
Anastasia: Kannst du
verstehen, dass ich in Panik kam?
Thilde: Warst du
denn in Eile?
Anastasia: Na klar, die anderen
warteten draußen. Dachte ich jedenfalls. Nachher fand ich sie alle an
der Bar.
Thilde: Und wer half dir aus der Not?
Anastasia:
Boris! Irgendwann bin ich hinausgegangen, die Hand vor der Öffnung wie
die Venus von Milo.
Thilde: Wie hieß er? Boris?
Anastasia:
Ja, er wollte nebenan zum Männer-Klo. Erst begriff er nicht, und dann
habe ich gestottert: „Ich krieg ihn nicht mehr zu, den
Reißverschluss.“ Und dann fing er an, in seinen Taschen zu suchen.
Thilde:
Ich stelle mir das Bild vor: Ihr beide vor den Klos.
Anastasia:
Und dann kamen natürlich endlich noch zwei Frauen. Aber er gab mir sein
Schlüsselbund und hielt mir einen kleinen Kofferschlüssel hin; den
sollte ich versuchen.
Thilde: Er hat nicht selbst
nach dem Rechten geschaut?
Anastasia: Boris ist ja
so diskret! Und… verständnishaft.
Thilde: Verstehe!
Anastasia:
Er sagte: „Gehen Sie noch mal rein und probieren sie es, notfalls im
Sitzen.“
Thilde: Und wo ist er geblieben?
Anastasia:
Er sagte: „Ich bin gleich wieder hier und warte dann auf Sie.“ Er
musste wohl auch dringend.
Thilde: Das Schlüsselchen
war die Rettung für dich!
Anastasia: Es war ganz
leicht. Als ich glücklich wieder herauskam, hat er mich angelacht. Ich
wollte ihn auf die Backe küssen vor Dankbarkeit, aber er hat gleich
zugegriffen und der Kuss wurde dann ganz anders …
Thilde:
Ich sehe euch deutlich vor mir – eine filmreife Szene!
Anastasia: Ich kann mir das gar
nicht erklären. Du weißt, dass ich mich nicht jedem an den Hals werfe …
Thilde:
Du bist sonst sehr zurückhaltend!
Anastasia: Ja,
total! Aber dieser Mann …
Thilde: Und wenn sie nicht
gestorben sind …
Anastasia: Was? Wie meinst du das –
gestorben?
Thilde: Entschuldige! So heißt es in
deutschen Märchen manchmal, wenn alles gut gegangen ist und das Glück
kein Ende hatte.
Anastasia: Im Märchen.
Thilde:
Wurde es ein Märchen?
Anastasia: Das war verdammt
kompliziert. An der Bar wartete Pierre. Wir waren ein paar Tage
zusammen.
Thilde: Nur Tage?
Anastasia:
Natürlich nicht. Aber Boris wollte mich wiedersehen. Ich ihn auch.
Thilde:
Von solchen Wünschen leben die Hotels.
Anastasia:
Pierre hat sofort gemerkt, dass da was lief mit Boris.
Thilde:
Wie das im Kino so geht …
Anastasia: Ich habe ihn
dann den anderen vorgestellt, so: „Das ist Boris, der Mann meiner
Schwester; wir haben uns zufällig getroffen. Schön, dass ihr auf mich
gewartet habt. Trinken wir was zusammen!“
Thilde:
Und dann war das alles ganz normal – wie das Leben so spielt.
Anastasia:
Genau. Irgendwann mussten wir weiter. Er hat mir sein Kärtchen
zugesteckt mit seiner Handynummer und …
Thilde: Lass
mich raten: Abends spät lagst du in seinem Bett.
Anastasia: Er war ein Wunder von
einem Mann. Und wie er roch!
Thilde: W a r ? Du hast
ihn doch nicht verlassen?
Anastasia: Es ging nicht
anders. Ich musste nach Berlin, er hatte was anderes vor. Aber das
Schlimmste kommt noch.
Thilde: Sag bloß!
Hatte er Aids?
Anastasia: Wie kommst du denn darauf?
Boris doch nicht!
Thilde: Weiß man`s als Frau?
Anastasia:
Ja, gut. Weiß man immer erst Monate später. Aber das ist nicht mein
Problem.
Thilde: Er ist verheiratet? Das Übliche?
Anastasia:
Nein, nicht so was, weiß ich jedenfalls nicht. Aber zwei Wochen später
hab ich entdeckt, dass meine Visa-Card weg war.
Thilde:
Kann passieren. Wieso siehst du einen Zusammenhang?
Anastasia:
Als ich das Konto sperren ließ, fehlten über Siebentausend Euro!
Thilde:
Aber du kannst die Karte doch verloren haben. Wieso verdächtigst du
Boris?
Anastasia: Er kannte die Karte. Ich hatte sie
ihm mal gezeigt, weil er meinen Namen gedruckt sehen wollte. Aber ich
habe die Card wieder eingesteckt, in meine Geldtasche, hinter dem
Ausweis.
Thilde: Wie lange ist das her? Warst du bei
der Polizei?
Anastasia: Ende Juni waren wir noch
zusammen. Ich bringe das nicht fertig, ihn anzuzeigen. Er ist ein so
wunderbarer Mann, sage ich dir!
Thilde: Ja, ich
weiß. Aber du hast ihn schon genug beschenkt. Das Geld gönne ich ihm
nicht auch noch!
Anastasia: Meinst du, es ist zu
teuer bezahlt – das Märchen?
Thilde: Hm. Muss ich drüber
nachdenken. Eigentlich sind die paar Märchen in unserem Leben schon was
wert.
Anastasia: Und ich mache dann alles kaputt.
Und warum? Wegen Siebentausend Euro?
Thilde: Ich
glaub, du hast recht! Lass ihn sausen. Und behalte deine Erinnerung!
Anastasia:
Ich freue mich so, dass du das auch so siehst, Thilde. Danke!
Thilde:
Außer, wenn er doch Aids hatte.
Anastasia: Klar,
dann bring ich ihn um.
Thilde: Lern was draus.
Anastasia:
Soll ich etwa vorsichtiger sein mit Männern?
Thilde:
Nee, hilft ja doch nicht. Mach`s gut, Anastasia! Auf bald mal wieder!
Anastasia:
Hat mir gut getan, danke, Thilde, Tschüss!
Musik
(russisch, vom Klavier).
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