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Wilhelm de Haan: Warum, Muriel?

Von wegen tot


Mir fiel plötzlich ein, es war wie ein Schlag in den Hinterkopf, dass ich einen Auftrag habe. Einen Auftrag? Für mich? Von wem, verdammt noch mal?  Gab es ein Gespräch, eine Abmachung, die dazu führte? Ich hatte nicht die geringste Erinnerung, nur diesen fatalen drückenden Befehl in meinem Kopf: ich muss mehrere Menschen angreifen, ausgerechnet ich, der Möchte-gern-Pazifist. Ich kapiere: Ich bekomme jeweils im letzten Moment Bescheid und muss dann sofort handeln - anschreien, anspucken - oder zustechen oder schießen?

Sind dafür die ekligen acht blau-grünen Fertigspritzen bestimmt, die ich in meiner blauen Umhängetasche gefunden habe? Darunter lag etwas Schwereres: in einem schwarzen Nylonbeutel fand ich eine Beretta M9 und extra eingewickelt einen vermutlich aufschraubbaren Geräuschdämpfer, wie ich ihn bisher nur aus Krimis kannte. Diese Mordwerkzeuge hatte ich noch nie in der Hand gehabt. Trotzdem: Sehr gewundert hatte ich mich nicht. Ich war noch zu apathisch.

Ich war auch nicht entsetzt über diese vagen Planungen, die immerhin in keiner Weise zu mir, meinem Lebensstil und meiner Umgangsart mit anderen Menschen passten. Oder mache ich mir was vor? Würden sie nicht zu uns allen passen, ich meine: zu den noch Lebenden? Vielleicht nicht mit Messerstichen und Schießen, aber irgendwie immer vernichtungsbereit.

Also nichts mit ethischen Bedenken oder Ähnlichem? In was soll ich hineingezogen und vielleicht mitschuldig werden?  Sollen die Zöllner bei ihren Stichproben die Bedrohungsinstrumente gleich bei mir finden? Stopp! Ich werde diese Sachen nicht bei mir behalten. Aber, Amigos, wenn ihr einen neuen Auftragskiller sucht, würde ich mich als Fehlbesetzung erweisen; dafür sollte man sicher etwas Vorübung aufweisen und eine robuste Natur sein; in dieser Hinsicht wärt ihr bei mir falsch. Ich kann nur abraten.

Weißt du, was hier gespielt wird, Muriel? Warst du beteiligt, als diese Idee ausgeheckt wurde? Hat man dich gezwungen, mitzumachen? Siehst du aus der Ferne zu, wie es mit mir weitergeht? Werde ich dich das überhaupt einmal fragen können?

Grad eben kommt mir ein Einfall: Was spricht dagegen, wenn ich in der restlichen Reisezeit mal eben die Liebesgeschichte aus der Schweiz herunterlade? Ihr müsst wissen: Diese Story beginnt noch in Dänemark mit meinem Abschied von der dortigen Prinzessin Dagmar, die ich zu ihrer Eignung als Heiratskandidatin für den Kronprinzen prüfen sollte. Sie hatte mich eindeutig überzeugt. Eve-Marie war dabei:

Am Morgen des fünften Tages weckte mich Eve-Marie auf ihre und meine Lieblingsart: sie schlüpfte ohne ihr Nachtgewand zu mir und legte es darauf an, sich behutsam in meinen Traum zu drängen. Meistens gelang ihr dies und wir wurden noch im Traum eins und ich durfte mich in ihrem unergründbaren, mich immer verzaubernden Schoß zuhause fühlen.
Als ich später die Fensterläden aufstieß, sah ich, dass die uns vorher nicht geheuer eingeschätzten dänischen Kriegsschiffe fehlten. Dagmar war ohne Abschied aus meinem Leben gegangen, und, als hätte es meine Zeit mit Dagmar nicht gegeben, war Eve-Marie wieder da. Ob die Frauen sich verständigt hatten? Was wissen wir schon von Frauengeheimnissen! Ich wollte ihr Dunkel nie ganz durchdringen.
Eve-Marie war wieder an meiner Seite und ganz von selbst fanden unsere von der allwissenden Natur dafür vorgesehenen Berührungsflächen wieder zueinander. Wir lächelten uns liebevoll an; die Diener brachten ein opulentes Frühstück, wir tauschten kleine und natürlich auch größere Zärtlichkeiten aus und wurden uns wortlos und für lange Zeit auf diese Weise einig, dass wir viel nachzuholen hatten.
Stunden später, schon auf hoher See auf unserem Rückweg, las ich der Gräfin die erste Fassung meines Berichts an den König vor. Sie lachte: „Wenn du das so deutlich befangen berichtest, wird man dich hängen.“ Ich formulierte also alles vorsichtiger.
Ein halbes Jahr später wurde in Paris eine glanzvolle Verlobung gefeiert. Ich saß weit vom hohen Paar entfernt und konnte einmal nur kurz in Dagmars Nähe kommen. Ich war nicht sicher, ob sie mich bemerkt hatte, aber dann hörte ich trotz des Tanzlärms ein Champagnerglas zersplittern. Für mich war es ein heimlicher Gruß.

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