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Wilhelm de Haan: Warum, Muriel?

Geld ist im Schuh


Als ich mir die „Süddeutsche“ aus dem Zeitungsfach geholt habe, machte der Zug einen heftigen seitlichen Ruck; ich taumelte mitten im Gang und musste mich bei der dunkelblonden Dame, die konzentriert auf ihr Laptop tippte, entschuldigen; ich hatte ihre Schulter gestreift, leider nicht nur sanft. „Ist okay“, hat sie gut gelaunt gesagt, schräg ins Leere aufsehend: „zum Glück hatte ich meinen Kaffeebecher nicht mehr in der Hand. Das wäre schlimmer geworden.“ Sie hat mich nicht  angesehen. Und nichts bemerkt.

Vielleicht sieht man es mir auch gar nicht an. Zwei Männer in der 1. Klasse hatten auch ziemlich blasse Gesichter, blutleer? Nein, ich doch nicht. Ich fühlte mich nicht blutleer, anders ja, aber schön leicht, nie ganz fest auf dem Boden, das war ich ja auch früher selten, auch nicht hier im ICE. Leute, das ist ein herrliches Gefühl, wer weiß, was ich noch alles kann…

Ich sah einmal mehr meinen Fahrschein an und entdeckte die anhängende Gutschrift, eben keine Rückfahrkarte, warum auch, nein, eine beliebige DB-Fahrt irgendwohin, 1. Klasse, im Wert von 240 Euro. Wow, damit komme ich ja im Schlafwagen nach Wladiwostok oder nach Spitzbergen oder nach Istanbul, wohin ich schon lange wollte. Aber ohne dich, Muriel? Ich bin schon lange nicht mehr darin geübt, allein zu reisen. Muss ich wieder lernen.

In der Außentasche meines Rollkoffers fand ich in einem Bankumschlag einen Packen Hundert-Euro-Scheine. Wow! Keine Notiz dabei, nichts von Muriel. Bei wem muss ich mich bedanken? Auch meine Geldbörse ist international gut gefüllt mit Dollar- und Pfundnoten. Na, dann bin ich ja hervorragend abgesichert – wenn ich nicht beklaut werde. Dem wollte ich vorbeugen. Besonders Paris soll ein Paradies für Banden sein, die Touristen auflauern.

Ich zog unauffällig meine Schuhe aus. Links neben mir schlief ein indisch aussehendes Paar; ihr Sohn spielte mit einem kleinen, hässlich krächzenden Gerät.

Ich hatte einen Fensterplatz, aber das war ein Witz: Vor dem Fenster verhinderte eine meterbreite Metallabdeckung in der Wagenwand, dass ich in die Landschaft schauen konnte. Mir blieben je 20 cm vom Fensterplatz vor mir und von dem hinter mir – erster Klasse soll das sein?

Unter die Einlage in meinen Schuhen schob ich links Tausend Euro, rechts Neunhundert; mehr wagte ich nicht hineinzustopfen, den Rest tat ich in den Bankumschlag und steckte ihn in meine Innentasche. Zehn Hunderter hatte ich mir dicker vorgestellt, sie tragen kaum auf, probiert es selbst mal! Ich konnte auch gut und fast normal gehen, das merkte ich, als ich über die wackligen Auflagen zwischen den Zugteilen zum Klo im nächsten Wagen ging.

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