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Wilhelm de Haan: Warum, Muriel?

Reise in die Vergangenheit?


Nach Chur oder nach Paris? Dahin bin ich, Muriel, du hast es so gewollt, heute unterwegs, das steht auf unten auf meinem Bahnticket; in knapp sechs Stunden werde ich an der Gare d`Est sein, das ist doch ganz schön schnell; am Ende soll eine Bahnbaustelle sein, das kann einige Minuten Verspätung ausmachen; vielleicht muss ich vorher aussteigen oder umsteigen in die Metro, das muss ich ja sowieso.“

Als ich meinen reservierten Platz gefunden und mein Gepäck untergebracht habe, suche ich die gespeicherten Ordner in meiner Handy-Cloud: „Sammelsurium“, „Münchhausen“, „Personen, Orte“: Da ist sie: Eve-Marie, Gräfin de Solanne. Ja, willkommen, Eve-Marie, verzeih mir, dass ich dich in meinem jetzigen Zustand so umständlich wiederfinden musstest. Du warst jahrelang meine zauberhafte Begleiterin, lebenskluge Beraterin und mich entzückende Geliebte, natürlich auch in der Gegend um Chur. Wir haben damals alles gemeinsam erlebt – ich als eine pikante Art Vorkoster bei der Auswahl geeigneter Heiratskandidatinnen für den französischen Kronprinzen. Das waren herrliche Zeiten für mich in Holland, in Spanien, Ungarn und in der Schweiz, wo ich die polnische Prinzessin traf und mich in sie verliebte – das war mein Berufsrisiko.

„Entschuldige, liebe Eve-Marie, ein Schaffner prüft meinen Fahrschein und sagt mir, dass ich in Karlsruhe in einen anderen ICE umsteigen muss, nach Paris. Das steht auf meinem Reiseblatt. Also nichts mit Chur. Der Mann war in Eile, er hat nichts gemerkt. Au revoir, Schatz, verzeih mir, ich bin verwirrt und in Eile, auf bald!“

Muriel, das muss ich dir noch einmal sagen, meine so lange Jahre Vertraute: Die Nacht war eine der schönsten in meinem Leben. Muriel, ich habe es dir hoffentlich auch zugeraunt: du warst so umwerfend zärtlich wie schon lange nicht mehr. War ein Eisprung schuld an deiner Wildheit? Wir haben uns später Worte zugeraunt, die sonst nicht zwischen uns üblich waren und die wir nie aussprechen. Warum in der Ekstase? Schschsch; das will ich für mich behalten.
Einen Ingwer-Tee hast du mir im Morgengrauen empfohlen, mit noch einem mir fremden Kraut, das mich wieder beruhigen sollte – aber doch auch Kraft geben für das nächste Liebesspiel, etwas später.
„Ich freue mich auf die Liebe am Morgen“, hast du mir in einer schönen Umarmung zugeflüstert. Ich habe deinen Hals geküsst, nicht nur deinen geliebten Hals. Du bist ja so hinreißend! Ich kenne kein bezaubernderes Gesicht – von deinen vielen anderen Jahrhundertwundern diesmal zu schweigen, Muriel! 

„Das sagst du, weil du mich so liebst“, sagtest du lächelnd und griffst herzhaft zu. Ich ließ mich noch einmal von dir verführen - mit einer Wildheit, als wäre es das allerletzte Mal.

Ich habe dir dann zugesehen, wie du, in deinem verrutschten und erfreulich kurzen altrosa Unterhemd über deiner betörenden Nacktheit, den Tee für die Teekanne mischtest. Selbst hast du etwas anderes getrunken, etwas Kaltes. Ich hatte dabei staunend und ohne Vorbereitung oder Vorahnung seelenruhig die Eingebung, dass dies nach dem Teetrinken meine letzten Minuten sein würden. Alles war erfüllt von Harmonie und Zärtlichkeit. Schöner könnte es nie sein.

Ich bin natürlich froh, dass du mir den Abschied so unmerklich leicht gemacht hast. Stellt euch vor, welchen Aufruhr es heraufbeschworen hätte, wenn du oder Alexander mich eben vor dem heranbrausenden ICE auf die Gleise geschubst hättet - mit meinem Rollkoffer in der Hand, damit es wie ein dummer Unfall aussehen würde…“

Nein, es war goldrichtig so.

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