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Jüdische Friedhöfe in Seesen und Bad Gandersheim


Ungeplante Höhepunkte einer Literarischen Wanderung
mit Schriftsteller-Kollegen im Westharz

Ausschnitt: Die Judenfriedhöfe in Seesen und Gandersheim
© Helmut W. Brinks

Ich bitte um Geduld und Nachsicht für einige Einleitungen und Unterwegsbeschreibungen. Bei dieser literarischen Wanderung – von Northeim über Herzberg, Osterode, Seesen, Bad Gandersheim zur Katlenburg – wollte ich offen sein für den Harz, den ich bei allen Wandererlebnissen immer auch bewusst auf den Spuren unserer literarischen Ahnen erleben will. Daneben hatte ich mir zwei Schwerpunkte vorgenommen: Ich wollte einige Menschen porträtieren, die etwas Wichtiges vermitteln, eine Botschaft haben, aber hinter ihrer gemeinschaftsbezogenen Aufgabe zurücktreten und deshalb fast immer im Hintergrund bleiben. Mein zweiter Plan zielte darauf, einige Orte der Stille zu suchen und zu beschreiben.

Im Frühsommer musste mein linkes Knie operiert werden und danach warnte mich der Chirurg, die Belastung des Knies nicht zu übertreiben. Eine Weile erwog ich, mein Fahrrad auf die literarische Wanderung mitzunehmen, um mein Knie wenigstens auf den Bergab-Strecken zu entlasten. Aber dann ergab sich eine Terminverschiebung der Wanderung in die Schulferienzeit und damit stand fest, dass Bonnie, die inzwischen (in Menschenjahre) umgerechnet 100 Jahre alt geworden ist und der ich eine Bergwanderung nicht mehr zumuten wollte, nicht wie vorgesehen bei Hedwig und den Kindern bleiben konnte.



Bonnie durfte also zum zweiten Mal eine literarische Wanderung mitmachen. Daniel entkräftete meine Bedenken mit der Einschätzung, dass Bonnie viel besser in Form sei, als ich. Als die Kinder dann noch erfolgreich dafür Stimmung machten, mit dem ICE zur schwäbischen Oma zu fahren, war plötzlich sogar unser Auto frei. Und weil wir Wanderer ohnehin ein Fahrzeug für den Gepäcktransport brauchten, kam ich zu der Möglichkeit, die Wanderung jeweils auf Teilstrecken mitzumachen, die Strapazen fein zu dosieren und immer schon „ick bün all hier“ zu spielen, wenn die anderen mit letzter Kraft angeschnauft kamen.

Einige Male konnte ich am gemeinsamen Zielort noch etwas vorbereiten, auch schon mal noch etwas nachbereiten oder vertiefen und ohne Zeitdruck mit zufälligen oder gesuchten Partnern reden. Und noch eine Annehmlichkeit ergab sich: ich konnte meinen unbeschränkten Aktionsradius nutzen und zusätzliche Ziele ansteuern.

Beim Wandern und Autofahren habe ich meine Eindrücke und Einfälle sofort in ein Diktiergerät gesprochen. Das ergibt eine frische Dokumentation; ich kann vielmehr festhalten und werde nicht durchs Aufschreiben abgelenkt. Der erhebliche Nachteil dieser Methode ist ein technischer Mangel: Die Übertragung kann ich noch keiner Maschine überlassen; trotz der Langsam- Schaltmöglichkeit ist die Übertragung mühsam und kostet mehr Zeit, als das Gerät sparen hilft; trotzdem halte ich diese Methode bei diesen Gelegenheiten für vorteilhaft. Wir vier Autoren und ein mitwandernder Fotograf wollten uns am Sonntagnachmittag in Northeim treffen. Die Tage vor diesem Sonntag waren etwas hektisch verlaufen und deshalb hatte ich mir vor dem Treffen in Northeim einige Stunden Zeit genossen, um mich in der Umgebung schon mal einzustimmen.

Ich fuhr, einer Eingebung und einem Harzführerhinweis folgend, nach Hattorf, wo ich noch nie war. Dort sollte ein Segelflugplatz sein und der Satz im Harzführer lautete: „Fragen Sie doch einfach mal, ob Sie ein Stück mitfliegen können!“ Ich war noch nie mitgeflogen; dieses Erlebnis fehlte mir demnach noch…

Weil sich später ein für mich nicht vorhersehbarer Höhepunkt ergeben hat, dem ich viel Platz reservieren will, werde ich (bevor ich die Tonbandauswertungen später einmal in einen größeren Zusammenhang setzen will – Heinrich Heines „Harzreise“-Bericht bezeichnete er selbst auch als Fragment und als „zusammengewürfeltes Lappenwerk“; das stärkt meinen Mut zu dem Vorhaben) alle anderen Reiseaufzeichnungen sehr zusammenzuraffen und nur ungefähr die Richtung einzuhalten.

So picke ich aus meinen Aufzeichnungen heraus, dass mich in Hattorf unerwartet Wilhelm Busch ansprach, zunächst auf einem Hinweisschild: Es gibt hier eine W.-B.-Gedenkstätte. Ich fuhr hin, fand sie geöffnet und sehr anregend, wohl auch, weil ich erst vor ein paar Tagen in Ebergötzen über Wilhelm-Busch-Abende in der Mühle verhandelt hatte und  deshalb eingestimmt war.

Ich überspringe die Hattorf-Seiten; Wilhelm Busch wird mir noch in Mechtshausen begegnen, streife auch nur, dass ich eine Stunde später auf einem Flugplatz mit den Fliegern plauderte. Leider sei kein Flugwetter, musste ich hören, „sonst … herzlich gern“. Plötzlich schwenkte ein Motorsegler ein, landete;  der Pilot wollte nach Herzberg. Ich bot ihm an, ihn hinzufahren,
„möglichst nach einem Rundflug“. Fünf Minuten später waren wir in der Luft. Der Flieger aus Celle zeigte mir von oben Herzberg und ein Stück Harz. Unser Tonbandgespräch wurde vom Motor überdröhnt. Ein schönes Erlebnis, wenn auch nicht das, das ich gesucht hatte: Ich wollte auch oberhalb der Erde einen Ort der Stille finden – und mit Menschen sprechen, die sie immer wieder suchen. Das Gespräch vor dem Hangar mit dem Fachhochschulprofessor, der seit 26 Jahren hier in der Fliegergemeinschaft seine Wochenenden verbringt, war ergiebig und anregend und müsste fortgesetzt werden …

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