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Göttinger Literarische Gesellschaft

Literarische Gesellschaft e.V.

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Die Kabarettgruppe der Göttinger Literarischen Gesellschaft hat noch
Termine frei für Ringelnatz-Abende
mit Live-Musik.

Fragen Sie uns:
Wir treten überall auf, im Großen und
auch bei Ihnen im Wohnzimmer.

Tel. 0551 – 79 89 770 (Brinks)



Joachim Ringelnatz zu Ehren II


Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
da taten ihnen die Beine weh.

Und da verzichteten sie weise
denn auf den letzten Teil der Reise.
So will man oft und kann doch nicht
und leistet dann recht gern Verzicht.
Ringelnatz Ameisen



Unterwegs

Wenn mir jetzt was begegnete,
was mich tot machte ganz und gar;
so dass der uns verregnete
Abschied gestern der letzte war,

so würde doch, was dann versäumt
wäre, den Trost noch finden;
Das Leid, das von der Liebe träumt,
muss auch in Liebe schwinden.
Logik

Die Nacht war kalt und sternenklar,
da trieb im Meer bei Norderney
ein Suaheli-Schnurrbarthaar-
Die nächste Schiffsuhr wies auf drei.

Mir scheint da mancherlei nicht klar;
man fragt doch, wenn man Logik hat,
was sucht ein Suaheli-Haar
denn nachts um drei am Kattegatt?
Bumerang

War einmal ein Bumerang;
war ein weniges zu lang.

Bumerang flog ein Stück,
aber kam nicht mehr zurück.

Publikum – noch stundenlang
wartete auf Bumerang.


Freiübungen (Grundstellung einnehmen)

Wenn eine Frau in uns Begierden weckt
und diese Frau hat schon ihr Herz vergeben,
dann (Arme vorwärts streckt!)
dann ist es ratsam, dass man sich versteckt.
Denn später (langsam auf den Fersen heben!)
denn später wird uns das Gefühl umschweben,
das von Familiensinn und guten Eltern zeugt.
(Arme – beugt!)

Denn was die Frau an einem Manne reizt,
(Hüften fest- Beine spreizt! – Grundstellung!)
ist Ehrbarkeit. Nur die hat wahren Wert,
auch auf die Dauer (ganze Abteilung, kehrt!).
Das ist von beiden Teilen der begehrtste,
von dem man sagt: (Rumpfbeuge)
Das ist der allerwertste.
Begegnung

So viele schöne Pfirsiche sind,
in die niemand beißt,
Die Gier kann auch ein verschämtes Kind
sein. Was du nicht weißt.

Ohne Lüge kann ich mancherlei
dir sagen, - klänge dir wie Gold.
Doch zeigte sich mein Wahrstes ganz frei,
wärest du mir nicht mehr hold.

Mädchen versäume dich nicht
und hüte dich vor List!
Ich aber träume dich,
wie du gar nicht bist.
Das Samenkorn

Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,
die Amsel wollte es zerpicken.

Aus Mitleid hat sie es verschont
und wurde dafür reich belohnt.

Das Korn, das auf der Erde lag,
das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.

Jetzt wird es schon ein hoher Baum
und trägt ein Nest aus weichem Flaum.

Die Amsel hat das Nest erbaut,
dort sitzt sie nun und zwitschert laut.


Schiff, 1931

Wir haben keinen günstigen Wind.
Indem wir die Richtung verlieren,
wissen wir doch, wo wir sind.
Aber wir frieren.

Und die darüber erhaben sind,
die sollten nicht allzuviel lachen.
Denn sie werden nicht lachen, wenn sie blind
eines Morgens erwachen.

Das Schiff, auf dem ich heute bin,
treibt jetzt in die unferlose,
in die offene See.- Fragt ihr: „Wohin?“
Ich bin nur ein Matrose.

THAR

Als ich abends den Zoo verließ,
Entdeckte ich noch ein Tier.
Das hieß Thar, Himalaja.
Es war wunderbar.

Seines Felles langseidenes Haar
Legte ein Wind bald sohin, bald sohin.
Es hatte wonnige Farben in Braun.
Das Tier schien mir durch die Seele zu schaun

Und weiter und fernhin, doch wohin?
– Himalaja – Himalaja –
Der, die oder das Thar? –
Wie ernst ich vor dem Käfig war.
Arm Kräutchen

Ein Sauerampfer auf dem Damm
stand zwischen Bahngeleisen,
machte vor jedem D-Zug stramm,
sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm
schwindsüchtig und verloren –
ein armes Kraut, ein schwacher Halm.
mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer;
sah Eisenbahn um Eisenbahn,
sah niemals einen Dampfer.

Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
morgens wieder vorbei –
und da träumte noch immer das Tier.

Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
gegen den Wind an den Baum,
und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
Mannheim

Schaff mir doch jemand den
Schutzmann vom Hals!
Der Kerl schreitet ein.
Ich möchte doch gar nichts weiter als
nur laut schrein: Ganz laut schrein.
Der aber schreit: Nein,
das dürfe nicht sein.

Was wär´nun an meinem Geschrei
schlimmes dabei?
Wenn ich doch heute so fröhlich bin.
Dafür haben die von der Polizei
gar keinen Sinn.

Passt auf, ihr Leute, was ich nun
tue. Ich werde nichts Böses tun.
Wenn ich jetzt laufe,
läuft der bewaffnete Mann
wie wild hinterher.
Aber ich laufe schneller als der.
Und werde schreien, was ich nur schreien kann.

Was wissen die Polizeien
vom redlichen Fröhlichsein.

Am Südpol darf jeder Seelöwe schrein
so laut wie er will.-

Schon gut, ich bin ja schon still.

Vor einem Kleid

Karo ist in deinem Kleid,
eine ganze Masse
Karo-Asse.

Wieviel Karos ihr wohl seid
in dem Kleid? – Das Kleid ist nett.
Karos sind im armen Bett.

Nun, ich habe nicht gezählt,
wenn mich auch die Frage,
wieviel es wohl sind, doch quält.
(Immer wieder seh ich hin.)

Weil ich männlich bin,
Rock und Hose trage,
passt solch Muster nicht für mich.
Karo ist zu munter.

Aber ich bestaune dich,
fremdes Mädchen, hübsche Maid.
Karo ist in deinem Kleid.
Ist ein Coeur darunter?
(Beitrag zum Verlust der deutschen Kolonien:)

Abendgebet einer erkälteten Negerin

Ich suche Sternengefunkel.
Sonne brennt mich dunkel.
Sonne droht mit Stich.

Warum brennt mich die Sonne im Zorn?
Warum brennt sie gerade mich?
Warum nicht Korn?

Ich folge weißen Mannes Spur.
Der Mann war weiß und roch so gut.
Mir ist in meiner Muschelschnur
so negligé zu Mut.

Kam in mein Wigwam
weit übers Meer.
Seit er zurückschwamm,
das Wigwam
blieb leer,

Drüben am Walde
kängt ein Guruh - -
Warte nur, balde
kängurst auch du.

Schlummerlieder

Willst du auf Töpfchen?
Fühlst du ein Dürstchen?
Oder ein Würstchen?
Senke dein Köpfchen.

Draußen die Nacht, die kalte
ist düster und fremd.
Deine Hände falte.
Der liebe Gott küsst dein Hemd.



Kindersand

Das Schönste für Kinder ist Sand.
Ihn gibt´s immer reichlich,
Er rinnt unvergleichlich
zärtlich durch die Hand.

Weil man seine Nase behält,
wenn man auf ihn fällt -
ist ja so weich.
Kinderfinger fühlen,
wenn sie in ihm wühlen,
nichts und das Himmelreich.

Denn kein Kind lacht
über gemahlene Macht.
Schlummerlieder

Gute Ruh!
Ich bin da,
deine Mutter, Mama,
müde wie du.

Nichts mehr sagen,
nicht fragen,
nichts wissen –
Augen zu.
Horch in dein Kissen:
Es atmet wie du.



Kindergebetchen

Erstes

Lieber Gott, ich liege
im Bett. Ich weiß, ich wiege
seit gestern fünfunddreißig Pfund.

Halte Pa und Ma gesund.
Ich bin ein armes Zwiebelchen,
nimm mir das nicht übelchen.
Zweites

Lieber Gott, recht gute Nacht.
Ich hab noch schnell Pipi gemacht,
damit ich von dir träume.

Ich stelle mir den Himmel vor,
wie hinterm Brandenburger Tor
die Lindenbäume.

Nimm meine Worte freundlich hin,
weil ich schon sehr erwachsen bin.
Drittes

Lieber Gott mit Christussohn,
ach schenk mir doch ein Grammophon.
Ich bin ein ungezognes Kind,
weil meine Eltern Säufer sind.

Verzeih mir, dass ich gähne.
Beschütze mich in aller Not,
mach meine Eltern noch nicht tot
und schenk der Oma Zähne.
Zu dir

Sie sprangen aus rasender Eisenbahn
und haben sich gar nicht weh getan.

Sie wanderten über Geleise,
und wenn ein Zug sie überfuhr,
dann knirschte nichts. Sie lachten nur,
und weiter ging die Reise.

Sie schritten durch eine steinerne Wand,
durch Stacheldrähte und Wüstenbrand,

durch Grenzverbote und Schranken
und durch ein vergehaltnes Gewehr;
durchzogen viele Meilen Meer –
meine Gedanken.

Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei.
Und als sie dich erreichten,
da zitterten sie und erbleichten
und fühlten sich doch unsagbar frei.
Überall

Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband,
wie irgendwo daneben.

Überall ist Dunkelheit.
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
stirbt sich was für einige Zeit.

Überall ist Ewigkeit.
Wenn du einen Schneck behauchst,
schrumpft er im Gehäuse.
Wenn du ihn in Cognac tauschst,
sieht er weiße Mäuse.
Die neuen Fernen

In der Stratosphäre,
links vom Eingang, führt ein Gang
(wenn er nicht verschüttet wäre)
sieben Kilometer lang
bis ins Ungefähre.

Dort erkennt man weit und breit
nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit.
Wenn man da die Augen schließt
und sich langsam selbst erschießt,
dann erinnert man sich gern
an den deutschen Abendstern.

Schenke

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
die Gaben wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass sein Geschenk
du selber bist.



Postsache


Ein männlicher Briefmark erlebte
was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollt sie wiederküssen,
das hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens.






Ich habe dich so lieb!

Ich hab dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise.

Die Zeit entstellt
alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
an einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.