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Heine gegen Göttingen gegen Heine:
Zusammenstellung von Heine-Texten + Kommentare: © Helmut W. Brinks


Wir verstehen Heine etwas besser, wenn wir uns sein Leben vor Augen führen. Ich bitte Sie deshalb um Geduld für einen kurzen Lebensabriss von Harry-Heinrich Heine, an dem wir dann einiges anbinden wollen. Harry Heine wird am 13. Dez. 1797 in Düsseldorf als erstes von vier Kindern der liberalen jüdischen Kaufmannsfamilie von Samson und Betty Heine geboren. Düsseldorf war damals französischer Machtbereich. Heine lernt Französisch bei einem zuhause einquartierten Offizier.

Als 13-Jähriger erlebt er nachhaltig beeindruckt den siegreichen Napoleon in Düsseldorf.

16-jährig wechselt er ohne Abschluss vom Gymnasium kurz zu einer Handelsschule. Im folgenden Jahr beginnt er nacheinander im Frankfurter Ghetto eine Lehre bei einem Bankier und bei einem Lebensmittel- großhändler, kehrt aber nach wenigen Monaten gescheitert zu seinen Eltern zurück.- Das alles lag ihm nicht.

„Dass ich bequem verbluten kann,
Gebt mir ein weites, edles Feld,
Nur lasst mich nicht ersticken hier
In dieser engen Krämerwelt.“


Der sehr erfolgreiche und wohlhabende Bruder seines Vaters, Salomon Heine in Hamburg, ermöglicht Harry durch Vermittlung der Mutter einen dritten Berufsversuch in seinem Bankhaus.

Der wohl zu wenig an Geschäften interessierte junge Mann verliebt sich mit nur schwacher Ermutigung in seine Nichte Amalie - immerhin eine Millionenerbin - und widmet ihr seine ersten Liebesgedichte, zu deren Entsetzen aber in einer Hamburger Zeitung, zum Glück unter einem abenteuerlichen Pseudonym.

Onkel Salomon finanziert einen vierten Berufsversuch und richtet dem Neffen das Tuchgeschäft „Harry Heine und Comp.“ ein. Heine hat wiederum kein Glück und muss wie viele Kleinunternehmer in jener Zeit bald aufgeben. Auch seine Eltern konnten ihr Düsseldorfer Geschäft nicht halten.

Harry ist 21, als der reiche Salomon Heine für seinen dauererkrankten Bruder vollends einspringen muss. Er läßt Harry (wie übrigens auch später seine Brüder) auf seine Kosten studieren: Jura, denn es gibt eine schwache Hoffnung, dass der junge Mann einmal Advokat in Salomons Finanzreich werden könnte. Heine wählt die neue Universität Bonn, die ihn nach einer erfolgreichen Sonderprüfung zuläßt.

Er hört juristische, historische und literarhistorische Vorlesungen und beteiligt sich an den damals noch geheimen burschenschaftlichen Versammlungen. Auch beginnt er ein Theaterstück, aus dem ein geradezu seherischer Satz tragisch überlebt hat: „Das war ein Vorspiel nur; dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Heinrich HeineIm Herbst 1820 wandert Heine an die 450 km über Westfalen nach Göttingen, um hier sein Studium fortzusetzen. Die dem Kuh- und Ziegenstädtchen Göttingen angehängte Universität im südlichsten Zipfel des Königreichs war für Heine eine Nummer zu groß und das war typisch für den kleinen, zierlich und blassen, unter kleinsten Geräuschen leidendenden Heine: Einige Prinzen, wohlhabende Adlige und Geldadlige prägten das gesellige Leben im Städtchen. Die sehr jungen Studenten lernten hier büffeln, unmäßig trinken, rauchen, reiten, fechten, Geld ausgeben, Schulden machen, die tätlichen Folgen des ungewohnten Alkoholgenusses durchstehen und nicht zuletzt den Umgang mit Frauen. Massenweise verliebte man sich hier in die Töchter der Hauswirte, der Professoren, mehr noch in die Vertreterinnen des gern genutzten Dienstleistungsbereichs Kochen und Waschen, Bügeln und Zimmerreinigen.



Aus meinen großen Schmerzen
Mach ich die kleinen Lieder;
Die heben ihr klingend Gefieder
Und flattern nach ihrem Herzen.
Sie fanden den Weg zur Trauten,
Doch kommen sie wieder und klagen,
Und klagen, und wollen nicht sagen,
Was sie im Herzen schauten.
Viele lebten von der gehobenen Lebensart der Studenten: Viele Göttinger „hielten“ sich ein Schwein und einen Studenten, es gab in vielen Kneipen erstaunliche Lustbarkeiten, um die zahlungskräftigen Herren anzulocken und zu binden, die Schneider hatten viel zu tun, die Zylinderfabrikanten, die Pfeifenkopf- und Andenkenmaler, die Säbel- und Florettschmiede, die Spazierstockmacher, immer wieder auch mal die Pfandleiher und Gebrauchtkleidungshändler und nicht zuletzt die Frauen, die sich darauf spezialisiert hatten, die völlig unbedarften jungen Herren für ein Honorar in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einzuführen. Die Göttinger Ärzte hatten als Folge dieser Erlebnisse massenhaft Geschlechtskrankheiten zu behandeln; auch sie und die Apotheker lebten gut von den Studenten.




Die Fensterschau

Der bleiche Heinrich ging vorbei,
Schön Hedwig lag im Fenster.
Sie sprach halblaut: Gott steh mir bei,
Der unten schaut bleich wie Gespenster!
Der unten erhub sein Aug in die Höh,
Hinschmachtend nach Hedewigs Fenster.
Schön Hedwig ergriff es wie Liebesweh,
Auch sie ward bleich wie Gespenster.
Schön Hedwig stand nun mit Liebesharm
Tagtäglich lauernd am Fenster. -
Bald aber lag sie in Heinrichs Arm,
Allnächtlich zur Zeit der Gespenster.

Die Liebe florierte. Es war unwichtiger, wer ihr Ziel war: man hatte auch auf diesem zwischenmenschlichen Gebiet viel zu lernen, nicht wenige lernten auch, die Regungen der Liebe zu beschreiben und zu besingen.

Die Göttinger Studenten hatten ein soziales Klima geschaffen, in dem bei allem oft unsinnigem und übermütigem Alltagshandeln eigentlich altmodische und von ihnen in Frage gestellte Ehrbegriffe eine wichtige Rolle spielten.

Es war nicht nur das für männlich gehaltene Kräftemessen; bei jeder gern herbeigesuchten Gelegenheit fochten die Studenten einen Streit mit Degen und Säbeln aus. Das galt als ehrenvoll.

Heine war klein, mager und schwächlich, aber bis ins Leichtsinnige mutig. Er forderte einen Streitpartner am liebsten zu einem Pistolen-Duell auf (das tat er mindestens viermal in seinen 57 Lebensjahren), in Göttingen geschah es zum zweitenmal seit Bonn, aber hier war diese Duell-Art seit einem halben Jahr streng verboten - was aber wenig bekannt war.

Der Streitanlass war wie meist wenig gewichtig: Heine nahm eine Studentenverbindung in Schutz gegen einen von ihm beleidigend empfundenen Verdacht und forderte einen Mitstudenten auf Pistolen. Als Austragungsort schlug er Münden vor. Münden? Woher kannte er Münden? War diese wenig bedeutende Station auf dem oft gewählten Weg in die wesentlich belebtere Stadt Cassel ein Geheimtipp unter Studenten, die sich nicht in der Nähe der mächtigen Göttinger Universitätsgewalt duellieren wollten; deshalb waren die Knallhütten, in denen man schießen, aber auch willige Frauen treffen konnte, ja auch außerhalb der Göttinger Stadtmauern errichtet worden.

Münden kannten alle, die nach „Cassel“ wollten, das war schon ein Stück Wegs für Reiter und Pferdegespanne, und Getränke und sonstiger Verzehr war hier mit Sicherheit wesentlich preisgünstiger als in der Residenzstadt. Wir können auch davon ausgehen, daß sich die Mündener Gastwirte, womöglich auch zusätzlich angeregt von Mündener Jungfrauen im Liebes- und Heiratsalter, sich etwas einfallen ließen, um durchreisende Männer mit einer vermutbar achtbaren Zukunft aufzuhalten.


Sie haben dir viel erzählet,
Und haben viel geklagt;
Doch was meine Seele gequälet,
Das haben sie nicht gesagt.
Sie machten ein großes Wesen
Und schüttelten kläglich das Haupt;
Sie nannten mich den Bösen,
Und du hast alles geglaubt.
Jedoch das Allerschlimmste,
Das haben sie nicht gewusst;
Das Schlimmste und das Dümmste,
Das trug ich geheim in der Brust.
Heines Duell-Plan ging sehr in die Hose. Er war von einem der vielen irgendwie belohnten studentischen Spione angezeigt worden. Das Universitätsgericht mußte tätig werden, auffällig zögerlich, man musste sich die noch neuen Bestimmungen auch erst von Beamten in Hannover auslegen lassen - und das Ergebnis des mehrtägigen Gerichtsverfahrens war niederschmetternd: Nach nur wenigen Wochen Studentenlebens in Göttingen wurden die beiden Kontrahenten jeweils für ein halbes Jahr von der Universität verwiesen und aufgefordert, mindestens für diese Zeitspanne die Stadt zu verlassen. Danach wäre eine Fortsetzung des Studiums möglich.

Heine fiel aus allen Wolken. Wie sollte er das seinen Eltern und dem alles bezahlendem Onkel erklären? Zudem wurde Heine just in diesen Tagen im Januar 1821 Knall auf Fall aus seiner ihm so wichtigen Burschenschaft ausgeschlossen, vorgeblich wegen einer ihm in Bovenden unter betrunkenen Studenten und ihren Mädchen angelasteten „Unkeuschheit“ - ein klarer Fall von Mobbing, dessen wirkliche Ursache aber ein antisemitischer Beschluss auf alldeutscher Burschenschaftlerebene war.

Heine erzählt einer Freundin noch
24 Jahre nach seinem Abschied von hier, er habe in Göttingen einen sehr vernünftigen, durchaus liberalen Apotheker gekannt, der ihm immer ganz ernsthaft versichert habe, die Juden müssten auch seiner Meinung nach die volle Gleichberechtigung erlangen und alles werden können - außer Apotheker natürlich.



Wenn zwei von einander scheiden,
So geben sie sich die Händ,
Und fangen an zu weinen,
Und seufzen ohne End.

Wir haben nicht geweinet,
Wir seufzten nicht Weh und Ach!
Die Tränen und die Seufzer,
Die kamen hintennach.







Ein angehender Dichter verarbeitet
alle Freuden und Leiden. Vielleicht
rettet es ihn auch vor seelischen
Schäden.

Er beschreibt alles - und manchmal flüchtet er auch nur, manchmal
erkennbar ausgehend von den Kneipengärten der trinkenden,
singenden und flirtenden Studenten:
Schöne Wiege meiner Leiden,
Schönes Grabmal meiner Ruh,
Schöne Stadt, wir müssen scheiden, -
Lebe wohl! ruf ich dir zu.

Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland:

Wo große Blumen schmachten
Im goldnen Abendlicht,
Und zärtlich sich betrachten
Mit bräutlichem Gesicht;-
Wo alle Bäume sprechen
Und singen, wie ein Chor,
Und laute Quellen brechen
Wie Tanzmusik hervor; -

Und Liebesweisen tönen,
Wie du sie nie gehört,
Bis wundersüßes Sehen
Dich wundersüß betört!

Ach, könnt ich dorthin kommen,
Und dort mein Herz erfreun,
Und aller Qual entnommen,
Und frei und selig sein!

Ach! jenes Land der Wonne,
Das seh ich oft im Traum;
Doch kommt die Morgensonne,
Zerfließts wie eitel Schaum.


Heinrich Heine in Göttingen Teil IIHeinrich Heine Teil II