
Göttinger |


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Literarische
Gesellschaft e.V.
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Heine
gegen Göttingen gegen Heine:
Zusammenstellung von Heine-Texten + Kommentare: ©
Helmut W. Brinks
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Der Asra
Täglich ging
die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.
Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.
Eines Abend trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
„Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft!“
Und der Sklave sprach: „Ich heiße
Mohamet, ich bin aus Yemmen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.“
Der Tod das ist die kühle Nacht,
Das Leben ist der schwüle Tag.
Es dunkelt schon, mich schläfert,
Der Tag hat mich müd gemacht.
Über mein Bett erhebt sich ein Baum,
Drin singt die junge Nachtigall;
Sie singt von lauter Liebe,
Ich hör es sogar im Traum.
Herz, mein Herz, sei nicht beklommen,
Und ertrage dein Geschick,
Neuer Frühling gibt zurück,
Was der Winter dir genommen.
Und wie viel ist dir geblieben!
Und wie schön ist noch die Welt!
Und, mein Herz, was dir gefällt,
Alles, alles darfst du lieben!
Das Herz ist mir bedrückt, und sehnlich
Gedenke ich der alten Zeit;
Die Welt war damals noch so wöhnlich,
Und ruhig lebten hin die Leut.
Doch jetzt ist alles wie verschoben,
Das ist ein Drängen! eine Not!
Gestorben ist der Herrgott oben,
Und unten ist der Teufel tot.
Und alles schaut so grämlich trübe,
So krausverwirrt und morsch und kalt,
Und wäre nicht das bißchen Liebe,
So gäb es nirgends einen Halt.
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Vielleicht hält
Gott sich Künstler und darunter Dichter, also Frauen und
Männer, die nie ganz von hier sind, die vieles, was sie malen und
schreiben, übersetzen und komponieren herüberholen aus dem
dunklen Land, in das wir willentlich nicht gelangen können,
höchstens in unseren Träumen.
Was die Künstler, früher auch die Seher - ohne die ich mir
die Bibel nicht vorstellen kann, von irgendwo herüber holen,
bleibt ihnen manchmal selber fremd. Müssen wir denn auch alles bis
ins Kleinste verstehen, entschlüsseln, aufdecken? Soll uns nichts
mehr dunkel bleiben? „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
daß ich so traurig bin...“ Das Dunkel ist lebenswichtig für
uns alle.
Heinrich Heines Studentenzeit in Göttingen, und ein Wenig auch in
Münden, Bad Sooden, Kassel, Heiligenstadt - die ist 180 Jahre her
- und was er über seine Erlebnisse im Kopf und im Gemüt
geschrieben hat, nehmen dem sich hier entfaltendem Dichter immer noch
erstaunlich viele Menschen übel - besonders in Göttingen.
Zwischen 1820 und 1827 lebte Heine dreimal in dieser Gegend und es ist
leicht erkennbar, dass diese Zeit ihn sehr geprägt und
gefördert hat -
in vielem Guten, vielleicht aber auch in etwas
Lebensbedrohendem - die fatale Liebeskrankheit?
Wir verstehen Heine etwas besser, wenn wir uns
sein Leben vor Augen
führen. Ich bitte Sie deshalb um Geduld für einen kurzen
Lebensabriss von Harry-Heinrich
Heine, an dem wir dann einiges anbinden wollen. Harry Heine wird am 13.
Dez. 1797 in Düsseldorf als erstes von vier Kindern der liberalen
jüdischen Kaufmannsfamilie von Samson und Betty Heine geboren.
Düsseldorf war damals französischer Machtbereich. Heine lernt
Französisch
bei einem zuhause einquartierten Offizier.
Als 13-Jähriger erlebt
er nachhaltig beeindruckt den siegreichen Napoleon in Düsseldorf.
16-jährig wechselt er ohne Abschluss vom Gymnasium kurz zu
einer Handelsschule. Im folgenden Jahr beginnt er nacheinander im
Frankfurter Ghetto eine Lehre bei einem Bankier und bei einem
Lebensmittelgroßhändler, kehrt aber nach wenigen Monaten
gescheitert
zu seinen Eltern zurück.
Das alles lag ihm nicht. |
„Dass ich
bequem verbluten kann,
Gebt mir ein
weites, edles Feld,
Nur lasst
mich nicht ersticken hier
In dieser engen
Krämerwelt.“
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Der sehr erfolgreiche und wohlhabende Bruder seines Vaters, Salomon
Heine in Hamburg, ermöglicht Harry durch Vermittlung der Mutter
einen dritten Berufsversuch in seinem Bankhaus.
Der wohl zu wenig an Geschäften interessierte junge Mann verliebt
sich mit nur schwacher Ermutigung in seine Nichte Amalie - immerhin
eine Millionenerbin - und widmet ihr seine ersten Liebesgedichte, zu
deren Entsetzen aber in einer Hamburger Zeitung, zum Glück unter
einem abenteuerlichen Pseudonym.
Onkel Salomon finanziert einen vierten Berufsversuch und richtet dem
Neffen das Tuchgeschäft „Harry Heine und Comp.“ ein. Heine hat
wiederum kein Glück und muss
wie viele Kleinunternehmer in jener Zeit bald aufgeben. Auch seine
Eltern konnten ihr Düsseldorfer Geschäft nicht halten.
Harry ist 21, als der reiche Salomon Heine für seinen
dauererkrankten Bruder vollends einspringen muss. Er
läßt Harry (wie übrigens auch später seine
Brüder) auf seine Kosten studieren: Jura, denn es gibt eine
schwache Hoffnung, dass der junge Mann einmal Advokat in Salomons
Finanzreich werden könnte. Heine wählt die neue
Universität Bonn, die ihn nach einer erfolgreichen
Sonderprüfung zuläßt.
Er hört juristische, historische und literarhistorische
Vorlesungen und beteiligt sich an den damals noch geheimen
burschenschaftlichen Versammlungen. Auch beginnt er ein
Theaterstück, aus dem ein geradezu seherischer Satz tragisch
überlebt hat: „Das war ein Vorspiel nur; dort wo man Bücher
verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Im Herbst 1820 wandert Heine an die
450 km über Westfalen nach
Göttingen, um hier sein Studium fortzusetzen. Die dem Kuh- und
Ziegenstädtchen Göttingen
angehängte Universität im südlichsten Zipfel des
Königreichs war für Heine eine Nummer zu groß und das
war typisch für den kleinen, zierlich und blassen, unter kleinsten
Geräuschen leidendenden Heine: Einige
Prinzen, wohlhabende Adlige und Geldadlige prägten das gesellige
Leben im Städtchen. Die sehr jungen Studenten lernten hier
büffeln, unmäßig trinken, rauchen, reiten, fechten,
Geld ausgeben, Schulden machen, die tätlichen Folgen des
ungewohnten Alkoholgenusses durchstehen und nicht zuletzt den Umgang
mit Frauen. Massenweise verliebte man sich hier in die Töchter der
Hauswirte, der Professoren, mehr noch in die Vertreterinnen des gern
genutzten Dienstleistungsbereichs Kochen und
Waschen, Bügeln und Zimmerreinigen.
Aus meinen großen Schmerzen
Mach ich die
kleinen Lieder;
Die heben ihr
klingend Gefieder
Und flattern nach
ihrem Herzen.
Sie fanden den
Weg zur Trauten,
Doch kommen sie
wieder und klagen,
Und klagen, und
wollen nicht sagen,
Was sie im Herzen
schauten.
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Viele lebten von der gehobenen Lebensart der
Studenten: Viele
Göttinger „hielten“ sich ein Schwein und einen Studenten, es gab
in vielen Kneipen erstaunliche Lustbarkeiten,
um die zahlungskräftigen Herren anzulocken und zu binden, die
Schneider hatten viel zu tun, die Zylinderfabrikanten, die Pfeifenkopf-
und Andenkenmaler, die Säbel- und Florettschmiede, die
Spazierstockmacher, immer wieder auch mal die Pfandleiher und
Gebrauchtkleidungshändler und nicht zuletzt die Frauen, die sich
darauf spezialisiert hatten, die völlig unbedarften jungen Herren
für ein Honorar in die Geheimnisse der körperlichen Liebe
einzuführen. Die Göttinger
Ärzte hatten als Folge dieser Erlebnisse massenhaft
Geschlechtskrankheiten zu behandeln; auch sie und die Apotheker lebten
gut von den Studenten.
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Die
Fensterschau
Der bleiche Heinrich ging vorbei,
Schön Hedwig lag im Fenster.
Sie sprach halblaut: Gott steh mir bei,
Der unten schaut bleich wie Gespenster!
Der unten erhub sein Aug in die Höh,
Hinschmachtend nach Hedewigs Fenster.
Schön Hedwig ergriff es wie Liebesweh,
Auch sie ward bleich wie Gespenster.
Schön Hedwig stand nun mit Liebesharm
Tagtäglich lauernd am Fenster. -
Bald aber lag sie in Heinrichs Arm,
Allnächtlich zur Zeit der Gespenster. |
Die Liebe florierte. Es war unwichtiger, wer ihr Ziel war: man hatte
auch auf diesem zwischenmenschlichen Gebiet viel zu lernen, nicht
wenige lernten auch, die Regungen der Liebe zu beschreiben und zu
besingen.
Die Göttinger Studenten hatten ein soziales Klima geschaffen, in
dem bei allem oft unsinnigem und übermütigem Alltagshandeln
eigentlich altmodische und von
ihnen in Frage gestellte Ehrbegriffe eine wichtige Rolle spielten.
Es war nicht nur das für männlich gehaltene
Kräftemessen; bei jeder gern herbeigesuchten Gelegenheit fochten
die Studenten einen Streit mit Degen und Säbeln aus. Das
galt als ehrenvoll.
Heine war klein, mager und schwächlich, aber bis ins Leichtsinnige
mutig. Er forderte einen Streitpartner am liebsten zu einem
Pistolen-Duell auf (das tat er mindestens viermal in seinen 57
Lebensjahren), in Göttingen geschah es zum zweitenmal seit Bonn,
aber hier war diese Duell-Art seit einem halben Jahr streng verboten -
was aber wenig bekannt war.
Der Streitanlass war wie meist wenig gewichtig: Heine nahm eine
Studentenverbindung in Schutz gegen einen von ihm beleidigend
empfundenen Verdacht und forderte einen Mitstudenten auf Pistolen. Als
Austragungsort schlug er Münden vor. Münden? Woher kannte er
Münden? War diese wenig bedeutende Station auf dem oft
gewählten Weg in die wesentlich belebtere Stadt Cassel ein
Geheimtipp unter Studenten, die sich nicht in der Nähe der
mächtigen Göttinger Universitätsgewalt duellieren
wollten; deshalb waren die Knallhütten, in denen man
schießen,
aber auch willige Frauen treffen konnte, ja auch außerhalb der
Göttinger Stadtmauern errichtet worden.
Münden kannten alle, die nach „Cassel“ wollten, das war schon ein
Stück Wegs für Reiter und Pferdegespanne, und Getränke
und sonstiger Verzehr war hier mit
Sicherheit wesentlich preisgünstiger als in der Residenzstadt. Wir
können auch davon ausgehen, daß sich die Mündener
Gastwirte, womöglich auch zusätzlich angeregt von
Mündener Jungfrauen im Liebes- und Heiratsalter, sich etwas
einfallen ließen, um durchreisende Männer mit einer
vermutbar achtbaren Zukunft aufzuhalten.
Sie haben dir
viel erzählet,
Und haben viel
geklagt;
Doch was meine
Seele gequälet,
Das haben sie
nicht gesagt.
Sie machten ein
großes Wesen
Und
schüttelten kläglich das Haupt;
Sie nannten mich
den Bösen,
Und du hast
alles geglaubt.
Jedoch das
Allerschlimmste,
Das haben sie
nicht gewusst;
Das Schlimmste
und das Dümmste,
Das trug ich
geheim in der Brust. |
Heines Duell-Plan ging sehr in die Hose. Er
war von einem der vielen
irgendwie belohnten studentischen Spione angezeigt worden. Das
Universitätsgericht mußte tätig werden, auffällig
zögerlich, man musste sich die noch neuen Bestimmungen auch
erst von Beamten in Hannover auslegen lassen - und das Ergebnis des
mehrtägigen Gerichtsverfahrens war niederschmetternd: Nach nur
wenigen Wochen Studentenlebens in Göttingen wurden die beiden
Kontrahenten
jeweils für ein halbes Jahr von der Universität verwiesen und
aufgefordert, mindestens für diese Zeitspanne die Stadt zu
verlassen. Danach wäre eine Fortsetzung des Studiums möglich.
Heine fiel aus allen Wolken. Wie sollte er das seinen Eltern und dem
alles bezahlendem Onkel erklären? Zudem wurde Heine just in diesen
Tagen im Januar 1821 Knall auf Fall
aus seiner ihm so wichtigen Burschenschaft ausgeschlossen, vorgeblich
wegen einer ihm in Bovenden unter betrunkenen Studenten und ihren
Mädchen angelasteten „Unkeuschheit“ - ein klarer Fall von Mobbing,
dessen wirkliche Ursache aber ein antisemitischer Beschluss auf
alldeutscher Burschenschaftlerebene war.
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Heine erzählt einer Freundin noch
24 Jahre nach seinem Abschied
von hier, er habe in Göttingen einen sehr vernünftigen,
durchaus liberalen Apotheker gekannt, der ihm immer ganz ernsthaft
versichert habe, die Juden müssten auch seiner Meinung nach
die volle Gleichberechtigung erlangen und alles werden können -
außer Apotheker natürlich.
Wenn zwei von einander scheiden,
So geben sie sich
die Händ,
Und fangen an zu
weinen,
Und seufzen ohne
End.
Wir haben nicht
geweinet,
Wir seufzten
nicht Weh und Ach!
Die Tränen
und die Seufzer,
Die kamen
hintennach.
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Ein angehender Dichter verarbeitet
alle Freuden und Leiden. Vielleicht
rettet es ihn auch vor seelischen
Schäden.
Er beschreibt alles -
und manchmal flüchtet er auch nur, manchmal
erkennbar ausgehend
von den Kneipengärten der trinkenden,
singenden und flirtenden
Studenten: |
Schöne Wiege meiner Leiden,
Schönes Grabmal meiner Ruh,
Schöne Stadt, wir müssen scheiden, -
Lebe wohl! ruf ich dir zu.
Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland:
Wo große Blumen schmachten
Im goldnen Abendlicht,
Und zärtlich sich betrachten
Mit bräutlichem Gesicht;-
Wo alle Bäume sprechen
Und singen, wie ein Chor,
Und laute Quellen brechen
Wie Tanzmusik hervor; -
Und Liebesweisen tönen,
Wie du sie nie gehört,
Bis wundersüßes Sehen
Dich wundersüß betört!
Ach, könnt ich dorthin kommen,
Und dort mein Herz erfreun,
Und aller Qual entnommen,
Und frei und selig sein!
Ach! jenes Land der Wonne,
Das seh ich oft im Traum;
Doch kommt die Morgensonne,
Zerfließts wie eitel Schaum.
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Heinrich Heine in
Göttingen Teil II
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