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Heine gegen Göttingen gegen Heine
~ Harzreise-Route III









Heine hatte mindestens diese Reise-Motive:

• Seine Gesundheit
• Vorbild: Kommilitonen
• Berichte voriger Reisenden im Harz
• Berichte voriger Reisender zu Goethe
• Besuchswünsche
• Geschichtsinteressen
• Sagen und Märchen
• Die deutsche (europäische) Lust am Reisen





Rekonstruktion der Harzreise-Route Heines
im Jahr 1824 - III
(vorläufiger Entwurf) © Helmut W. Brinks, 2007


Harz


Die Reisesituation im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts war nicht abschreckend. Man reiste weiterhin wie in früheren Jahrzehnten zu Fuß, ritt auf einem Pferd oder fuhr mit einem schlicht bis komfortabel ausgestattetem Wagen, der von einem oder mehreren Pferden gezogen wurde. Seit einigen Jahrzehnten gab es auf mehreren Strecken auch im Harz Postkutschen, die schnelleres Reisen als das Reiten mit dem Pferd boten.





1. Tag: Der nächste Weg zum Brocken führt von Göttingen aus auf einer östlichen Route über Geismar, Waake, Herzberg, St. Andreasberg, Braunlage. Heine nahm die längere, nord-nordöstliche Route über Orte, die ihm bereits von vielen Studentenausflügen her gut bekannt waren: Weende, am Wirtshaus „Zum letzten Heller“ vorbei (im Plesse-Archiv fand ich den Hinweis, dass Heine eine besondere Beziehung zu einer dortigen Wirtstochter hatte), dem bei Studenten beliebten Bovender Ortsteil Rauschenwasser, wo sich viele Studenten und auch Heine bei den sich dort anbietenden Freudenmädchen eine Liebeskrankheit geholt hatten; von dort nach Nörten und Northeim. (vorbei am verfallenden jüd. Friedhof hinter dem Hardenbergischen Gut, der ihn wohl nicht interessiert hat.) Gegen Mittag wird er in Northeim angekommen sein. Selbst wenn er dort bis etwa 15 Uhr gerastet haben sollte, könnte er vor 22 Uhr im 21 km entfernten Osterode angekommen sein.

An seinem ersten Wandertag am 14. September war Heine auf der 42 km langen Wanderstrecke Göttingen-Osterode nach seinem Reisebericht insgesamt an die 15 Stunden unterwegs.

2./3. Tag: Nach dieser beträchtlichen Anstrengung machte er, wie für Wanderer empfohlen, eine Pause: in Clausthal und Zellerfeld blieb er zwei Tage. Er übernachtete (nach seinem Bericht) in Clausthal und besuchte am folgenden Tag, dem 16. Sept., was er in seinem Bericht nicht erwähnt, zusammen mit den vier Göttinger Jurastudenten Carl und Joseph Russel, Carl von Detten und Ferdinand Theißing das Bergwerk Carolina. Die Eintragung der fünf Göttinger Besucher wurde mit einer krakelig gezeichneten Klammer als zusammengehörig gekennzeichnet. Am ausführlichsten ist die Eintragung des Ersten: „Carl Russel aus Haselünne Stud. jur. Goettingensis fuhr am 16.ten Sept. von der Caroline in die Dorothea.-“
Noch am Abend des 3. Reisetages (16.09.) könnte er das 19 km entfernte Goslar erreicht haben, wo er auch den

4. Tag und die folgende Nacht verbrachte.

5. Tag: Nach eigenen Angaben ist er am 5. Tag, das war Samstag, der 18. September, in Goslar um 6 Uhr aufgebrochen. Nach 18 km hatte er das von ihm beschriebene Zechenhaus erreicht und dort übernachtet.

6./7. Tag: Am Sonntag ist er zum Brocken aufgestiegen und hat im Brockenhaus übernachtet. Auch den folgenden Tag und die Nacht zum Dienstag hat er auf dem Brocken zugebracht. (Hier war Gelegenheit, seine Wäsche zu waschen und zu trocknen.)

8. Tag: Über die Schneelöcher und das Ilsetal kam er nach Ilsenburg, wo er im Gasthaus zu den Rothen Forellen gespeist hat und dann nach Wernigerode weitergewandert ist. Im Gasthaus „Zum Bären hat er sich nach 28 km ausgeruht.

9. Tag: Am Mittwoch hat er eine 35 km-Strecke bewältigt: Über Elbingerode und die von ihm beschriebene Bielshöhle ging er nach Rübeland und Altenbrak oder Treseburg. Das Bodetal hat er liebevoll beschrieben.

10. Tag: Am 23.September erreichte er nach 25 km Ballenstedt.

11. Tag: Südlich von Ballenstedt könnte er auf die Burg Anhalt zu gewandert sein, von dort durch einen schönen Teil des Selketales über Mägdesprung bis Alexisbad neben dem ihm von früheren Reisen (…) als Poststation bekannten Harzgerode. Diese Strecke war nur etwa 16 km lang.

12. Tag: Am Samstag hat er vermutlich über Silberhütte einen Wanderwege nach Roßla gewählt; diese Stecke war genau so lang wie die über Stolberg, das ihm schon bekannt war. (Von Stolberg aus hätte ihn ein schöner Weg das Tyratal entlang über Rottleberode und Berga nach Kelbra und Roßla am Fuße des Kyffhäusergebirges geführt).

13. Tag: Er hat es nie erwähnt (einige literariche Projekte reiften bei ihm über 10 Jahre lang), aber es spricht viel dafür, dass er von Roßla aus den nur kleinen Umweg in das Kyffhäusergebirge gewählt hat. Die auch von Gottschalck gerühmte Rotheburg und die Burg Kyffhausen werden ihn nachhaltig inspiriert haben, bevor er nach 26 km in Sangerhausen ankam und dort übernachtete. Die Barbarossahöhle war 1824 noch nicht entdeckt worden.


Gottschalck, S. 284: „ In der Nähe von Roßla – gewöhnlich Roßel, ein Städtchen in der Grafschaft Stolberg, das in 195 Häusern 1105 Einwohner zählt, von der Helme bewässert wird und an der Heerstraße von Nordhausen nach Sachsen liegt. In dem an der Straße nach Benningen zu gelegenem Gasthofe logiert man am besten. Das Schloss ist seit 1704, in welchem Jahre die Linie der Grafen zu Stolberg-Roßla … der Wohnsitz der.., so wie R. der Sitz der gräflichen Kanzley, der Rentkammer u.a. Behörden ist. Die zwei Güter gehören dazu… In der Nähe von R. sind bemerkenswerte Punkte: der Bauerngraben bei Breitungen und die Ruinen der Burgen Kyffhäuser und Rothenburg. Letztere zu besteigen, ist sehr lohnend, besonders wegen der herrlichen Umsichten, die man von ihnen hat. Kyffhäuser wurde wahrscheinlich von König Heinrich I., als Schutzwehr des am Fuß des Berges gelegenen kaiserlichen Palastes in Tilleda, erbat, kam 1378 an die Grafen von Schwarzburg, welches Haus es noch jetzt besitzt, und verfiel schon in der Mitte des 16ten Jahrhunderts…. Roßla ist von Stolberg und Sangershausen 4, von Nordhausen 6 Stunden entfernt.“

Im heutigen Naturpark Kyffhäuser, nahe am Dorf Rottleben, liegt die 1865 von Bergleuten entdeckte Barbarossa- Höhle. Heine kam vielleicht 41 Jahre früher hier vorbei – sonst hätte ihn zusätzlich zu dem hier beheimatetem Sagenschatz die riesige, begehbare Anhydrithöhle mit einer Grundfläche von 13.000 qm mit ihren kristallklaren, blaugrün schimmernden Seen und den geheimnisvollen Steingebilden besonders gefesselt.

Die im 11. Jahrhundert errichtete Reichsburg „Kyffhausen“ war im Mittelalter eine der größten Burgen in deutschen Ländern. Die Dreiteilung ihrer 600 m langen und 60 m breiten Veste ist noch heute erkennbar. (Auf der Umgebung der Oberburg wurde 1891-1896 das Kyffhäuser- Denkmal erbaut. Unter der Reiterfigur Kaiser Wilhelm I. thront in Stein gehauen Kaiser Friedrich I., Barbarossa. Diese Erinnerungsdenkmale konnte ein Wanderer wie Heine 1824 noch nicht sehen.)

„Die bekannteste Kyffhäusersage ist die von Kaiser Friedrich Barbarossa, der im Innern des Berges mit seinem Hofstaat und seinen Mannen schläft und aufwachen will, wenn es an der Zeit ist, das in Kleinstaaten zerfallene Deutschland machtvoll zu einen. 20 Jahre nach seinem anzunehmendem Besuch im Kyffhäuser (und lange vor der Entdeckung der Barbarossahöhle) schrieb Heine in „Deutschland.  Ein Wintermärchen“, im „Caput XIV“, dass seine Amme ihm von dieser Sage berichtete; er erzählt es zwischen seinen Streckenstationen Paderborn und Minden:


„Mit stockendem Atem horchte ich hin, / Wenn die Alte ernster und leiser
Zu sprechen begann und vom Rotbart sprach, / Von unserem heimlichen Kaiser.
Sie hat mir versichert, er sei nicht tot, / Wie da glauben die Gelehrten,
Er hause versteckt in einem Berg / Mit seinen Waffengefährten.

Kyffhäuser ist der Berg genannt, / Und drinnen ist eine Höhle;
Die Ampeln erhellen so geisterhaft / Die hochgewölbten Säle.
Ein Marstall ist der erste Saal, / Und dorten kann man sehen
Viel tausend Pferde, blankgeschirrt, / Die an den Krippen stehen.

Sie sind gesattelt und gezäumt, / Jedoch von diesen Rossen
Kein einziges wiehert, kein einziges stampft, / Sind still, wie aus Eisen gegossen.
Im zweiten Saale, auf der Streu, / Sieht man Soldaten liegen,
Viel tausend Soldaten, bärtiges Volk, / mit kriegerisch trotzigen Zügen.

Sie sind gerüstet von Kopf bis Fuß, / Doch alle diese Braven,
Sie rühren sich nicht, bewegen sich nicht, / Sie liegen fest und schlafen.
Hochaufgestapelt im dritten Saal / Sind Schwerter, Streitäxte, Speere,
Harnische, Helme, von Silber und Stahl, / Altfränkische Feuergewehre.

Sehr wenig Kanonen, jedoch genug / Um eine Trophäe zu bilden.
Hoch ragt daraus eine Fahne hervor, / Die Farbe ist schwarz-rot-gülden.
Der Kaiser bewohnt den vierten Saal. / Schon seit Jahrhunderten sitzt er
Auf steinernem Stuhl, am steinernen Tisch, / Das Haupt auf den Armen stützt er.

Sein Bart, der bis zur Erde wuchs, / Ist rot wie Feuerflammen,
Zuweilen zwinkert er mit dem Aug, / Zieht manchmal die Brauen zusammen.
Schläft er oder denkt er nach? / Man kanns nicht genau ermitteln;
Doch wenn die rechte Stunde kommt, / Wird er gewaltig sich rütteln.

Die gute Fahne ergreift er dann / Und ruft: zu Pferd! zu Pferde!!
Sein reisiges Volk erwacht und springt / Lautrasselnd empor von der Erde.
Ein jeder schwingt sich auf sein Ross, / Das wiehert und stampft mit den Hufen!
Sie reiten hinaus in die klirrende Welt, / Und die Trompeten rufen.

Sie reiten gut, sie schlagen gut, / Sie haben ausgeschlafen.
Der Kaiser hält ein strenges Gericht, / Er will die Mörder bestrafen –
Die Mörder, die gemeuchelt einst / Die teure, wundersame,
Goldlockigte Jungfrau Germania - / Sonne, du klagende Flamme!

(Dieser Vers stand in Heines noch unzensiertem Manuskript eindeutiger:)
Die Mörder, die den Meuchelmord / An der deutschen Freiheit verübten,
Die uns vergiftet die Vaterlandsluft / Und alles, was wir liebten.

Wohl mancher, der sich geborgen geglaubt, / Und lachend auf seinem Schloss saß,
Er wird nicht entgehen dem rächendem Strang, / Dem Zorne Barbarossas!

Wie klingen Sie lieblich, wie klingen sie süß, / Die Märchen der alten Amme!
Mein abergläubiges Herze jauchzt: / Sonne, du klagende Flamme!

(Heine wird in den folgenden 44 Strophen von Caput XV bis Caput XVII
Gesprächspartner von Kaiser Barbarossa, dem er die Zeitentwicklungen berichtet.
Dies ist das Ende:

„Herr Rotbart – rief ich laut – du bist / Ein altes Fabelwesen,
Geh, leg dich schlafen, wir werden uns / Auch ohne dich erlösen.
Auch deine Fahne gefällt mir nicht mehr, / Die altdeutschen Narren verdarben
Mir schon in der Burschenschaft die Lust / An den schwarz-rot-goldnen Farben.

Das Beste wäre, du bliebest zu Haus, / Hier in dem alten Kyffhäuser –
Bedenk ich die Sache ganz genau, / So brauchen wir gar keinen Kaiser.“


14. Tag: Am Montag, dem 27. September, reiste er über Eisleben nach Halle. Die 58 km lange Strecke wird er mit der Postkutsche oder einem anderen Fahrzeug bewältigt haben; hier hat er vielleicht zum ersten Mal keine Fußwanderung unternommen. Ankunft etwa am frühen Nachmittag.

15. Tag: Für Halle hat er sich erstaunlich wenig Zeit genommen: Gegen Mittag schon reiste er, obwohl er hier einige Bekannte hatte, die allerdings auch Semesterferien hatten, nach Weißenfels weiter, wo er über Merseburg nach 26 km ankam und bei dem Schriftsteller Adolf Müllner über Nacht blieb.

16. Tag: Mit dem Ziel Naumburg wird er über die Ruinen bei Goseck insgesamt 18 km gewandert sein.

17. Tag: Nach 34 km erreichte er am Donnerstag, dem 30. September, Jena.

18./19. Tag: Am Freitag hatte er nur 15 km bis Weimar zu wandern; hier schrieb er gleich einen Brief an Goethe und bat um einen Besuchstermin, der ihm für den nächsten Tag gewährt wurde.

20. Tag: Das Gespräch mit Goethe fiel für Heine enttäuschend aus. Noch an diesem Sonntag wanderte er die 26 km bis Erfurt, wo er bis zum folgenden Mittag geblieben sein könnte.

21. Tag: Am 4. Oktober (Montag) erreichte er nach 26 km Gotha.

22. Tag: Dienstag: 33 km waren es bis Eisenach.

23. Tag: Möglicherweise erst am 6. Oktober (Mittwoch) ist er auf die Wartburg gestiegen und von dort aus 20 km nach Creuzburg gewandert.

24. Tag: Am Donnerstag könnte er die Wanderstrecke von 22 km bis Wehretal bewältigt haben.

25. Tag: Nach 21 km kam er nach Hessisch Lichtenau.

26. Tag: Am Samstag wanderte er die „Märchenwege“ über Fürstenhagen, Eschenstruth, Helsa und Kaufungen nach Kassel. Möglicherweise ist er die 33 km nicht nur gewandert.

27. Tag: Am Sonntag, dem 10. Oktober, blieb er in Kassel und machte mehrere Besuche.

28. Tag: Am folgenden Montag reiste er über Münden wieder nach Göttingen. Die 52 km wird er gefahren sein.



Heine hätte es leichter gehabt, von Rübeland aus über Thale, Ballenstedt, Ermsleben, Hettstedt nach Eisleben zu wandern. Er hätte länger in Halle bleiben können. Aber bei dieser Strecke hätte er nicht den Kyffhäuser erlebt. Die schnellere Route würde auch nicht zu den uns bekannten Zeitangaben und dazu passen, was er seinen Briefpartnern berichtete: An Moses Moser schrieb er am 25. 10.24 in der zweiten Hälfte eines langen Briefes über seine Reise: „Ich vergesse Dir zu erzählen, dass ich vor sechs Wochen (= 13./14.Sept.!) eine große Reise machte, erst vor vierzehn Tagen (= 11. Okt.!) zurückkam und folglich vier Wochen unterwegs war. Sie war sehr heilsam, und ich fühle mich durch diese Reise sehr gestärkt. Ich habe zu Fuß und meistens allein den ganzen Harz durchwandert, über schöne Berge, durch schöne Wälder und Täler bin ich gekommen und habe wieder mal frei geatmet. Über Eisleben, Halle, Jena, Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach und Kassel bin ich wieder zurückgereist, ebenfalls immer zu Fuß. Ich habe viel Herrliches und Liebes erlebt und wenn nicht die Jurisprudenz gespenstisch mit mir gewandert wäre, so hätte ich wohl die Welt sehr schön gefunden. Auch die Sorgen krochen mir nach.“ … „Ich hätte Dir viel von meiner Harzreise zu erzählen, aber ich habe schon angefangen, sie niederzuschreiben, und werde sie Dir wohl diesen Winter für Gubitz schicken. Es sollen auch Verse drin vorkommen, die Dir gefallen, schöne edle Gefühle und dergleichen Gemütskehricht. Was soll man tun! – Wahrhaftig, die Organisation gegen das abgedroschen Gebräuchliche ist ein undankbares Geschäft.“

Am 26. Mai 1825 schrieb er an Rudolf Christiani: „Den vorigen Sommer sah es auch nicht sehr glänzend mit meiner Gesundheit aus, und obendrein lag auf mir die Zentnerlast der Pandekten. Meine Erholung waren kalte Bäder, Chronikenstudium, Skandäler, Shakespeare, Ullrichs Garten sowie auch einige Pfuschereien ins Gebiet der Literatur. Letzteres war aber sehr unbedeutend, Ausarbeitung einer Memoirenpartie, Anfang eines Romans und einige kleine Köter von maliziösen Gedichten. Den Herbst machte ich eine Fußreise nach dem Harz den ich die Kreuz und Quer durchstreifte, besuchte den Brocken, sowie auch Goethe auf meiner Rückreise über Weimar. Ich reiste nämlich über Eisleben, Halle, Jena, Weimar, Erfurt Gotha, Eisenach und Kassel hierher wieder zurück. Viel Schönes habe ich auf dieser Reise gesehen, und unvergesslich bleiben mir die Thäler der Bode und Selke. Wenn ich gut haushalte kann ich mein ganzes Leben lang meine Gedichte mit Harzbäumen ausstaffieren.“

Mit der Bode wird er die „Warme Bode“ gemeint haben, die er von Elbingerode kommend schon hinter Rübeland erlebt haben. Anzunehmen folgte er dann der Warmen Bode das herausragend schöne Bodetal entlang, aber wohl nicht bis Thale und von dort in das nahe Quedlinburg, das für ihn sicher interessant war
(das er vielleicht von einer früheren Reise-Station her kannte).

Er ist vermutlich das lange Bodetal über Gernrode nach Mägdesprung gewandert. Vielleicht ist er wenigstens ein Stück in das faszinierendste Selketal in Richtung Falkenstein gewandert; die Selke wird er aber noch mindestens bis in das neue mondäne (und von ihm dem Ehepaar Varnhagen gegenüber gerühmte) Alexisbad genossen haben.

Von Alexisbad sind es nur 2 Kilometer bis Harzgerode, das er bereits als Postkutschenstation kannte – und das ihn vielleicht nur als Nachtquartier gereizt haben könnte.

Die Selke fließt noch über Silberhütte und Straßberg bis Stolberg. (Wenn Heine hier war, wird es nicht versäumt haben, die erfolgreich als „Stolberger Lerchen“ vermarkteten dünnen Bratwürste auf Sauerkraut als Abendessen zum Bier genossen zu haben.)

„Nichts ist dauernd, als der Wechsel; nichts beständig als der Tod.“ Dieses Motto lieh Heine sich für seinen Reisebericht von Börne.

Wie sicher sind die uns bekannten Daten? Wie sicher ist es, dass er die von ihm genannten Orte besucht hat? Einige Bemerkungen hat er offensichtlich aus Reiseführern übernommen. (Burg bei Northeim…)

Wie sicher ist seine Behauptung, alle Strecken zu Fuß gegangen zu sein? War er an ein Versprechen gebunden? Hatte er nicht alle Freiheit, sogar zeitlich, denn das Wintersemester begann erst am 18. Oktober – und weil es seine Abschlussphase war, musste er nicht mehr unbedingt pünktlich sein.

Am 24. Februar 1825 schrieb er in einem Brief an Karl Immermann: „Ich machte verflossenen Herbst eine Fußreise durch den Harz, und wenn ich da so eine von den Höhen erklommen, wo man den Magdeburger Turm erkennen kann – dann blieb ich manchmal lange stehen und dachte an Immermann…“

Wenn diese Bemerkung einen erlebten Hintergrund hatte, könnte Heine (nicht ganz unmöglich: auch vom Brocken aus) zwei Aussichtsberge gemeint haben: die Seweckenberge (215 m) zwischen Quedlinburg und Ballenstedt , aber auch die Burg Falkenstein (357 m) im schönsten Teil des Selketales zwischen Falkenstein und Mägdesprung. Der Magdeburger Dom hatte zwei 105 m hohe Westtürme; der vermutbar nicht sehr sehscharfe Heine könnte beide Türme aus der Ferne für einen gehalten haben; ebenso denkbar ist ein Scherz über eine Dachverzierung an Immermanns Haus, das er Anfang April 1824 einige Tage lang kennengelernt hatte.

Am 26. Mai 1825 schrieb er in einem Brief an Christiani über seinen Reisebericht, den er vor seiner bald erhofften Veröffentlichung übertrieben selbstkritisch beurteilt: „… ich wünschte im Grunde, Sie bekämen das Opus überhaupt nicht zu Gesicht. Sie finden darin viele alte Witze von mir, mit schlechten neuen Witzen bunt untermischt, nachlässige, unkünstlerische Prosa, unbeholfene Naturschilderungen, verunglückter Enthusiasmus; aber das bitt ich mir aus – die Verse darin sind göttlich.“

Ein Wanderer mit ziemlich weiten Zielen muss sich darauf einstellen, seine Wäsche alle paar Tage auszuwechseln und seine über manche Strecken nass gewordenen Stiefel zu trocknen. Zum Waschen und Trocknen der Wäsche hat er meist keine Zeit. Helfen kann eine Wirtin, die zumindest halbtrocken gewordene Wäsche noch trockenbügeln kann.

Für das Trocknen der Schuhe braucht der Wanderer Papier, am besten Zeitungen, aber über Nacht gelingt das nicht ganz. Besser sind ein zweites Paar Stiefel. Heines Behauptung, ein Ersatzpaar weggeworfen zu haben, ist wenig glaubhaft.

Auf der von Heine benutzten Karte (Beilage zum Gottschalck-Reiseführer) sind die Entfernungen
in geogr. Meilen angegeben. (1 geogr. Meile = 7420 m).

Zu prüfen ist noch:
• Wie und worin ist er Gottschalcks Empfehlungen gefolgt? (Orte, Burgen, Gasthäuser)
• Welche Personen hat er angeblich / wirklich getroffen?
• Gottschalcks Hinweise auf König Heinrich und Königin Mathilde – nachhaltige Inspirationen?
• Welche Pfalzorte, Burgen und Schlösser könnte Gottschalck ihm schmackhaft gemacht haben?