 Göttinger |


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 Literarische
Gesellschaft e.V. |
 
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Ringelnatz
wird 125

Die
Badewanne
prahlte sehr. Sie hielt sich für das Mittelmeer
und ihre eine
Seitenwand für Helgoländer Küstensand. Ringelnatz
„Das kann doch einen Seemann
nicht
erschüttern…“
Er
hieß Hans Bötticher
– dieser Name war ihm später zu bürgerlich für einen,
der lieber betont unbürgerlich sein wollte. Aber dieser Anspruch
war viel schwerer, als er es sich gedacht hatte.
In Wurzen bei Leipzig ist er auf die Welt gekommen, am 7. August 1893 –
am selben Tag wie die Spionin Mata Hari und der Maler Ernst Nolde.
Seine sächsische Muttersprache hat er nie verleugnet; sie gab
seinen Vorträgen einen besonderen Reiz – weil sie wie imitiert
wirkte.
Sein Vater war Musterzeichner und Schriftsteller und diese Anlagen
vererben sich manchmal. Unter den fast vierzig Berufen, in denen sich
Hans Bötticher versuchte, sind die des Schriftstellers und des
Malers noch gar nicht mitgezählt, verdienen es aber.
Mit 17 ging er, die Landratte, zur See. Während seine Kameraden in
Wurzen die Städte Odessa, Konstantinopel und New York auf der
Landkarte suchen mussten, ging er dort an Land. Er hatte das Zeug zum
Seemann und das Meer und die Einsamkeit auf den Meeren ließen
einiges in ihm reifen.
Am 1. Weltkrieg beteiligte er sich als Marinesoldat, fand in diesem
Beruf Anerkennung und war zuletzt trotz seiner Kurzsichtigkeit
Kommandant eines Minensuchbootes geworden – ein gefürchtetes
Himmelfahrtskommando für besonders harte Kerle.
Später an Land behielt er gern seine Matrosenkluft an, als er
durch die deutschen Kleinkunstbühnen tingelte und seine auf See
entstandenen Gedichte und Sketche vortrug. |
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Es
lohnt sich doch
Es lohnt sich doch, ein wenig lieb zu sein
und alles auf das Einfachste zu schrauben,
und es ist gar nicht Großmut, zu verzeihn,
dass andere ganz anders als wir glauben.
Und stimmte es, dass Leidenschaft Natur
bedeutete im Guten und im Bösen,
ist doch ein Knoten in dem Schuhband nur
mit Ruhe und mit Liebe aufzulösen. | Wer seine Gedichte nur gedruckt
kennt,
weiß nicht genug von ihnen
und von ihm.
Die ganze Inszenierung, das Einbeziehen der am Rande mitwirkenden
Partner und der Zuschauer, die von ihm aus Vorsicht vor
Handgreiflichkeiten gebauten
Stuhlbarrikaden und ihr Abbau von der korpulent korsettierten
Partnerin, die er beleidigte und wieder zu
Tränen rührte, war ein kabarettistisches Meisterstück,
das vom Publikum kennerisch
genossen und beklatscht wurde.
Nach der Darbietung kam Ringelnatz an die Zuschauertische, besah sich
die Flaschen und trank reihum aus allen erreichbaren. Dabei nuschelte
er Geistreiches und
Geblödeltes, vieles aus früher Erlebtem vor sich hin, sehr
sprunghaft, geübt betrunken,
plötzlich wütend aufbrausend, vergaß aber sofort den
Grund, ging auf keine Bemerkung des Publikums ein, schien es
gar nicht aufznehmen, schaute allen traurig in die Augen, wurde aber,
das betont Manfred
Hausmann, auch, wenn alle Flaschen geleert waren, nie sentimental.
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Der Marineleutnant a. D. konnte aber
von
dieser künstlerischen
Tätigkeit nicht leben und das Leben kostete damals ja einiges. An
Willen und Fantasie ließ er es
nicht fehlen: Er wurde Fremdenführer und Bibliothekar,
zwischendurch Schaufensterdekorateur – er war sich
für nichts zu schade.
Wenn es ging, machte er zwei Vorstellungen am Tag. Er führte
gewissenhaft Buch über seine Einnahmen und Ausgaben; übrig
blieb nie etwas. Wie so viele hatte
ihn der Krieg ruiniert. Er schrieb
und deklamierte und
sang; seine Frau, die er „Muschelkalk“
nannte und so bedichtete, tippte seine Gedichte ab, er zeichnete und
malte. Er war unter den
Bohemiens und den Kabarettisten beliebt und allmählich hatte er
auch als Maler Erfolg.
1923, dreißigjährig, gestaltet er in Berlin eine erste
Bilder-Ausstellung; zwei Jahre später nahm die Berliner Akademie
sein Bild „Winter“ an. Das war eine wichtige
Hürde – weitere Galerien kauften einige seiner Bilder.
1933 galt in Deutschland ein neuer Kunstgeschmack. Auf staatlichen
Druck wurde sein Bild „Nachts am Wasser“ aus der Nationalgalerie
entfernt. Seine Art zu malen nannte
der gerade an die Macht gekommene Hobbymaler Hitler „entartet“. Auch
als Kabarettist bekam er
Auftrittsverbot. Seine Einnahmen versiegten, er starb verarmt 1934 an
Lungentuberkulose. An
jenem 17. November war er erst 41.
2008 erinnern wir an seinen 125. Geburtstag und versuchen, sein Bild
deutlicher werden zu lassen, das Bild von dem gar nicht immer lauten,
immer bescheidenen Dichter und
Vieleskönner, dem Mann in der Matrosenbluse und mit der
Matrosenmütze – und in der Hand
immer ein Glas Rotwein. Denn: Nüchternheit konnte er an sich nicht
leiden.
Er fand sich selbst „etwas schief ins Leben gebaut … wie eine alte
Kommode, oft mit Tinte oder Rotwein begossen, manchmal mit
Fußtritten geschlossen. Der wird
kichern, der nach meinem Tod mein Geheimfach entdeckt“.
Ringelnatz wurde in Berlin begraben. Bei seiner Beerdigung wurde, wie
er es sich gewünscht hatte, von einer Drehorgel ein sentimentales
Seemannslied gespielt; er hatte es schon als Schiffsjunge auf der
Mundharmonika gespielt: „Die weiße Taube“ – La Paloma.
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Und
auf einmal steht es
neben dir
Und auf einmal merkst du äußerlich:
Wieviel Kummer zu dir kam,
wieviel Freundschaft leise von dir wich,
alles Lachen von dir nahm.
Fragst verwundert in die Tage,
doch die Tage hallen leer.
Dann verkümmert deine Klage…
Du fragst niemanden mehr.
Lernst es endlich, dich zu fügen,
von den Sorgen gezähmt.
Willst dich selber nicht belügen
und erstickst es, was dich grämt.
Sinnlos, arm erscheint das Leben dir,
längst zu lang ausgedehnt,--
Und auf einmal steht es neben dir,
an dich angelehnt - -
was? Das, was du so lang ersehnt. |
Morgenwonne
Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
betiteln mich „Euer Gnaden“.
Aus meiner tiefsten Seele zieht
mit Nasenflügelbeben
ein ungeheurer Appetit
nach Frühstück und nach Leben. Nach dem Gewitter
Der Blitz hat mich getroffen.
Mein stählerner, linker Manschettenknopf
ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf
summt es, als wäre ich besoffen.
Der Doktor Behringer äußert sich
darüber sehr ungezogen:
Das mit dem Summen wär´ typisch für mich,
das mit dem Blitz wär´ erlogen. | Damals
als 17-Jähriger hat er dieses Gedicht verfasst: Ich werde nicht
enden zu sagen:
Meine Gedichte sind schlecht.
Ich werde Gedanken tragen
als Knecht.
Ich werde sie niemals meistern
und doch nicht ruhn.
Soll mich der Wunsch begeistern:
Es besser zu tun.
Zwei Jahre später, 1912, schrieb er in einer Zeit des
alltäglichen Hurra-Patriotismus leichtsinnig und erstaunlich
stilsicher: Die
Schnupftababaksdose
Es war eine Schnupftabaksdose,
die hatte Friedrich der Große
sich selbst geschnitzt aus Nußbaumholz.
Und darauf war er natürlich stolz.
Da kam ein Holzwurm gekrochen,
der hatte Nußbaum gerochen,
Die Dose erzählte ihm lang und breit
von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.
Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös
und sagte, indem er zu bohren begann:
„Was geht mich Friedrich der Große an!“ |
Ringelnatz
II
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