Garten der Stille III

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Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilig nüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist. die Blumen, und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin (1770-1843)


Weiher
Der Weiher

Er liegt so still im Morgenlicht,
So friedlich wie ein fromm Gewissen;
Wenn Weste seinen Spiegel küssen,
Des Ufers Blume fühlt es nicht;
Libellen zittern über ihn,
Blaugoldne Stäbchen und Karmin,
Und auf des Sonnenbildes Glanz
Die Wasserspinne führt den Tanz;
Schwertlilienkranz am Ufer steht
Und horcht des Schilfes Schlummerliede;
Ein lindes Säuseln kommt und geht,
Als flüstr’ es: Friede! Friede!


Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)
Gaukler

Gingo biloba

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es e i n lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die so erlesen,
Dass man sie als e i n e s kennt?

Solche Frage zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühltst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)



Am Großen Gottesschrein
in Ise


Es bleibt mir dunkel,
welche Kraft ich hier spüre,
doch ich öffne in Ehrfurcht,
und sie dankbar anbetend
mein Heimat suchendes Herz.

Ich habe erkannt,
dass unsere Wirklichkeit
gar nicht wirklich ist.
Warum sollte ich glauben,
dass Träume nur Träume sind?

Saigyo Hoshi, Dichter, zuletzt Mönch (1118-1190)

(Ü.: Helmut W. Brinks)


Der alte Garten

Kaiserkron und Päonien rot,
Die müssen verzaubert sein,
Denn Vater und Mutter sind lange tot,
Was blühn sie hier so allein?

Der Springbrunn plaudert noch
                                         immerfort
Von der alten schönen Zeit,
Eine Frau sitzt eingeschlafen dort,
Ihre Locken bedecken ihr Kleid.

Sie hat eine Laute in der Hand
Als ob sie im Schlafe spricht,
Mir ist, als hätt ich sie sonst gekannt -
Still, geh vorbei und weck sie nicht!

Und wenn es dunkelt das Tal entlang,
Streift sie die Saiten sacht,
Da gibt’s einen wunderbaren Klang
Durch den Garten die ganze Nacht.

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Gaukler


Es lacht im steigenden jahr dir
der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatterndem haar dir
eppich und ehrenpreis.

Die wehende saat ist wie gold noch
vielleicht nicht so hoch mehr und reich
rosen begrüssen dich hold noch
wird auch ihr glanz etwas bleich.

Verschweigen wir was uns verwehrt ist, geloben wir glücklich zu sein
wenn auch nicht mehr uns beschert ist
als noch ein rundgang zu zwein.

Stefan George (1868-1933)


Teiche


Die Teiche Böhmens sind wie Silberschalen,
Gebettet in das satte Grün der Auen,
Auf ihre Spiegel Wolkenschatten fallen.
Wie traumverschleiert sanfte Augen schauen.
Die Schnepfe klagt im Röhricht nah dem Rande,

Und Enten Regenbogenflügel breiten,
Gereckt den Hals mit kupfergrünem Bande,
Entflirrt der Zug in sonndurchglühte Weiten.
Der Kalmus atmet: lau und linde steigen
Die Grummetdüfte nach dem heißen Tage,
In sanftgekühlten Wellen schwingt das Schweigen.
Und etwas seufzt darin wie die ewige Klage.

Antonin Sova (1864-1928)
(Ü.: Paul Eisner)


Im Garten

Die hohen Himbeerwände
trennen dich und mich,
doch im Laubwerk unsre Hände
fanden von selber sich.

Die Hecke konnt´ es nicht wehren,
wie hoch sie immer stund;
Ich reichte dir die Beeren,
und du reichtest mir deinen Mund.

Ach schrittest du durch den Garten,
noch einmal in raschem Gang,
wie gerne wollte ich warten,
warten stundenlang.

Theodor Storm (1817-1888)


Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
der reinen wolken unverhofftes blau
erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimmt das tiefe gelb das weiche grau
von borken und von buchs der wind ist lau
die späten rosen welkten noch nicht ganz
erlese küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese letzten astern nicht
den purpur um die ranken wilder reben
und auch was übrig blieb von grünem leben
verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George (1868-1933)

Gaukler

Edle Art

Nicht wie beim Baum die Höh und Pracht
Ist’s, was den Menschen edler macht:
Dreihundert Jahr lang stehet die Eiche stolz,
Und schließlich stürzt sie und ist dürres Holz.

Ein Schneeglöckchen im Hag,
Lebt’s auch nur einen Tag,
Des lichten Lenzes reinster Traum,
Kann edler sein als Strauch und Baum.

Im engsten Kreis kann Schönheit reich gedeih’n:
Auch kleines Leben kann vollendet sein.

Ben Johnson (1574-1637)
(Ü.: Ferdinand Freiligrath)
 

Die Wüste hat zwölf Ding

Du sollst minnen das Nicht,
Du sollst fliehen das Iicht.
Du sollst alleine stahn
Und sollst zu niemand gahn.
Du sollst sehre unmüßig sein
Und von allen Dingen frei sein.
Du sollst die Gefangenen entbinden
Und die Freien zwingen.
Du sollst doch selbst nichts haben.
Du sollst das Wasser der Pein trinken
Und das Feuer der Minne mit dem Holz der Tugend entzünden,
So wohnest du in der wahren Wüste.

Mechtild von Magdeburg (um 1207-1283)

Abend

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes, und eins, das fällt.

Und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht so ganz dunkel wie das Haus, das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt -

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben bang und riesenhaft und reifend,
so dass es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)


(I) Ausgetrockneter Fluss, sauge meinen Regen,
zerstörte Wüstenstadt, ich baue dich wieder auf.

(II) Alles scheint dir versperrt?
Er zeigt dir einen Weg, wo du keinen Weg sahst.

(III) Wir sind deine Gäste, wo immer wir sind und gehen.
In steter Reichweite kreisen wir nur um dich.

(IV) Dir gilt mein Lied und mein Tanz und mein Leben.
Mein beschenktes Herz gehört dir für immer ganz.

(V) Im belebendem Wasser, im Zauber des Gartens und
im zärtlichen Blütenduft spüre ich dich hinter allem -
du hast alles gemacht.

(VI) Am Ende war es nur dies:
Ich brannte und wurde verbrannt.

Maulana Dschalal-ad-Din Rumi (1207-1273)


Ich fragte:
Wie lange lebt eine Rose?
Die Knospe sah mich an
und lächelte nur.

Mir Tagi Mir (1724-1810)





Ich suche nicht, ich finde 

                           Pablo Picasso