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Münchhausen und die Münchhausenwelt


Aktuelles aus der Münchhausenwelt
Münchhausen lebt.  Immer noch.


Es erstaunt Sie doch nicht, dass wir wirklich Unsterbliche nie
untergehen? Wir veralten nicht, weil wir zeitlos sind. Mich zum
Beispiel hat es nie gegeben - jedenfalls nicht in der Ihnen
bekannten Gestalt. Das habe ich nun mal mit Adam und Eva
gemeinsam, mit Moses, Till Eulenspiegel und Dracula, Winnetou,
Harry Potter, Gandalf und Pumuckl und Zehntausend anderen.

Wir Unsterbliche können jederzeit wieder in das Alltagsleben
eintauchen und auf unsere unnachahmbare Weise jede uns
einfallende Gestalt annehmen. Und natürlich unsichtbar bleiben,
wenn wir das wollen. Das wollen wir aber selten.

Eine meiner Spezialitäten ist der Rollentausch, eine andere, die ich
sehr liebe: der Zeitsprung. Ich verwandle mich (das können wir alle
mit Links) in irgendeine gerade zeitgenössische Gestalt; ich aus
Prinzip aber nur in Männer. Nebenbei: Der Mensch, den ich
vorübergehend darstelle, schläft in dieser Zeit tief und fest, dafür
wird gesorgt.

Unlängst wäre es fast aufgefallen: Ich war so leichtsinnig, mich in
eine weltweit hoch geachtete Persönlichkeit zu verwandeln und
einiges - für seine arg konservativen Vorstellungen - Unerhörte
und geradezu Revolutionäre zu äußern. Es gab ein riesiges Echo,
eine Flut von Kommentaren und die eigentliche Lichtgestalt hatte
große Mühe, die Sensation durch ihre Sprecher abzumildern und als
doch längst gesagt und offenbar unbemerkt hingenommen
darzustellen.

Ich mache zu gern Zeitsprünge. Das dürfen wir uns alle paar
Sukuren leisten (wir haben diese eigene, für uns sehr praktische
Zeitrechnung), wenn die GUNDA (das sind die Erfahrensten von
uns) zustimmt.



Mein stärkstes und zugleich bewegendestes Abenteuer spielte in
Russland im Krieg gegen Napoleon. Die Truppen der Franzosen
waren den Russen klar überlegen und waren dem Endsieg sehr
nahe, als ich zur Hilfe gerufen wurde. Ich entwickelte einen Zwei-
Stufen-Plan: In Napoleons Aufmarschgebiet ließ ich die Flüsse
ableiten und dem Dauerregen helfen, alles Land in Morast und
Matsch zu verwandeln. Darin blieben die Franzosen mit ihren
Geschützen und allen Wagen hoffnungslos stecken. Mein zweiter
Plan setzte auf russische Kleinstlebewesen.

Die Trockenheit und Wärme ersehnenden Franzosen strebten auf
dem Hin - und Rückmarsch in alle erreichbaren Häuser und
Hütten und Schuppen. Die russischen Bauern schlafen gern auf
den breit gebauten Öfen. Dahin zog es auch die vor Nässe
frierenden Soldaten. Ja, viele wurden trocken und gewärmt, viele
suchten auch bei allen angetroffenen Frauen menschliche Wärme.

Sie, ihre Offiziere und ihre Regimentsärzte ahnten nicht, dass die
genossenen Ofenwärme verhängnisvoller zuschlug als alles
verschossene Schwarzpulver: Die Russen sind seit Jahrhunderten
immun gegen Wanzen, Flöhe und Läuse; die Franzosen waren
ihnen schutzlos ausgeliefert. Sie erreichten tatsächlich den
Untergang der Napoleon-Armee. Schlimmer noch: Selbst die
Überlebenden nahmen diese kämpferischen Kleinstlebewesen mit
in die Heimat. Es sollen nur noch 10.000 Soldaten gewesen sein,
anfangs aber - zwangsweise und deshalb unzuverlässig gemischt
aus mehreren Nationen - 400.000. Es war ein schmerzvoller
Sieg, aber Mütterchen Russland hat es überlebt.

Nebenbei: Ich konnte nur mit Mühe verhindern, dass mich gleich
fünf russische Universitäten zum Ehrendoktor ernennen wollten …


Die Münchhausenwelt konkret

Ich bin viele, das haben einige in den letzten Jahrhunderten
begriffen. Aber ich will nicht alles allein machen. Die vor Jahren
schon einmal in einigen Fundamenten gegründete Münchhausenwelt
ist Naturgewalten und einem Angriff von Fundamentalisten zum Opfer gefallen. Völlig zerstörbar war sie aber nicht. Die Verluste haben mich auf Gedanken über Kooperationen gebracht. Mit potentiellen Geldgebern und mit erwiesenen Machern, mehr aber mit einigen bereits in Luftsprüngen geübten Unrealisten.

Eins unserer wichtigsten Projekte ist die Gründung einer eigenen
Hochschule; wir nennen sie schlicht die Münchhausen-Universität.
Es war aus Kostengründen, aber auch wegen der uns wichtigen
Einbindung von Lehrenden und Studierenden aus aller Welt gar
nicht anders denkbar, als sie virtuell anzusiedeln.

An dieser Stelle gibt es bald Berichte aus den Forschungsbereichen
und Ausschreibungen für Forschungsvorhaben, Stellenaus- schreibungen und Anmeldungen für Studienanfänger.


Immatrikulation

Hier sind ab sofort Anmeldungen möglich in allen von den Vereinten
Nationen anerkannten Weltsprachen mit diesen Angaben:

Vollständige Namen, Augenfarbe, Schuhgröße, gefühltes Alter,
Lerninteressen, Angabe der weiblichen und männlichen historischen
Lieblingsgestalten, Email-Anschrift.

Wir bieten Ihnen ein kostenfreies Studium; nur wem es wohler ist
zu zahlen, kann das Abbuchungskonto angeben (Immatrikulationsgebühr: 99 - 210 €.
Semestergebühr: 360 €, Promotion mit Urkunde: 3.300 €).


Aus den Fachbereichen und ihren Hörsälen:

Bachmann, Benn, Böll, Brecht, Bukowski und Busch kommen posthum vom Rauchen ab.

Hinter diesem populistisch klingendem Titel verbirgt sich nach unseren
bisherigen Informationen die Struktur einer zunächst nur in Auszügen
der Öffentlichkeit mitgeteilten psychologischen Forschungsarbeit für
das Psycho-Hygienische Institut der Freien Universität Rollsdorf,
Außenstelle Benswagen, der Dipl.-Psychologen Rosa-Annegret Mollenfeld-Wasserbach, Henrik-Wladimir Sburgalski und Moira van
Daakenbeek.

SC-REPORT ONLINE liegen die Thesen dieses Projektes vor:

1. Weibliche und männliche Dichter, Schriftsteller und Autoren,
deren Nachnamen mit einem "B“ beginnen, sind besonders anfällig
für eine Nikotinsucht.

2. Neben lebenden Abusus-Probanden können auch inzwischen
unsterblich gewordene Dichter in Entwöhnungsprogramme
einbezogen werden.

3. In ihren Selbstzeugnissen, in Texten aller Art, in Briefen, Tagebuchnotizen, auf Fotos und in Berichten und Stellungnahmen von
Zeitzeugen und Tabakgroßhändlern ist ihr möglicherweise wechselndes Verhältnis zu selbstgedrehten oder zu handelsüblichen Zigaretten, Zigarillos, Zigarren, tabakhaltigen Sondererzeugnissen und zu Pfeifentabak im Laufe ihres Lebens rekonstruierbar.

4. Die Sicherungsbedingungen eines diesbezüglichen Forschungsvorhabens sind herstellbar. Das brisante Papier nennt diese Untersuchungspunkte und Voraussetzungen:
Starke frühere oder jetzige Raucher – müssen mit einer eigenen
psycho-somatischen Therapie, u.a. mit antiken Idealbildern und
idealistischen Texten und Subtexten antiker Autoren um ihre Mitarbeit
an einer dauerhaften Entwöhnung (bei lebenslanger Fortsetzung und
Weiterentwicklung der Therapie durch dafür eigens ausgebildete
Psychologen) gewonnen werden.

Die Studie konzentriert sich auf die meist Zigaretten rauchenden
“Probanden“ Ingeborg Bachmann, Simone de Beauvoir,
Jurek Becker, Samuel Beckett, Gottfried Benn, Tanja Blixen,
Ernst Bloch, Aleksandre Blok, Johannes Bobrowski, Heinrich Böll, Wolfgang Borchert, Jorge Luis Borges, Bertolt Brecht,
Christine Brückner, Charles Bukowski (Zigaretten, Zigarillos)
William S. Burrough, Wilhelm Busch (Zigarren), und Lord Byron
ebenso wie auf die noch lebenden Autoren Anders Bodelsen
(Filterzigaretten), Ray Douglas Bradbury (Pfeifenraucher),
Vico Louis Braun (Zigarren) Günter de Bruyn (filterlose Zigaretten) und Lothar-Günther Buchheim (Zigarillos).

Dafür ist eine differenzierte posthume Ferntherapie nach Nakoviski-
Wirkenstein in Verbindung zu den Forschungsergebnissen der
POCATINA-Universiät Narvic zu entwickeln.

Mit einer ausgedehnten Feldforschung, an der neben Medizinern auch
Soziologen, Kultur-Anthropologen, Entwicklungsphilosophen, Persönlichkeits-Designer und Religionswissenschaftler aller Hochreligionen zu beteiligen sind, wird eruiert, und durch Vergleiche mit Namensträger der Buchstabengruppen „F“ und „W“ belegt,

ob Schriftsteller, deren Namen mit einem „B“
beginnt, tatsächlich signifikant und alarmierend
anfällig für eine Nikotin-Abhängigkeit sind.

Bei den Entwöhnungsprogrammen ist eine messbare starke Unterstützung durch die Anteilnahme der Öffentlichkeit bzw. wichtiger
Multiplikatoren sowie politische und ökologischer Gruppierungen
wichtig bis erfolgsentscheidend.

Der jetzige noch nicht fest bestehende Forschungs-Etat sollte noch in
diesem Jahr auf 12,374 Millionen Euro aufgestockt und dann jeweils
jährlich um 3,3 - 5,2 % erweitert werden. Der Personalbedarf wird in
einer anhängenden Aufstellung detailliert erläutert.

Die Untersuchung wird sich voraussichtlich über mindestens
siebeneinhalb Jahre erstrecken. Die jeweils notwendige Fortführung
und Aktualisierung der Forschungsergebnisse sichert zugleich Themen
für Habilitationen, Dissertationen und Diplomarbeiten, daneben aber
nicht zuletzt Stellen für ausreichendes wissenschaftliches Hilfspersonal. Die Forschungsmittel sind durch die Institutsleiter und die gewählten, teilweise auch durch notfalls selbsternannte Studentenvertreter einvernehmlich auch für alle Forschungsausgaben im entsprechenden literarischen und sozialen Umfeld von Autoren im In- und Ausland einsetzbar, desgleichen für Einzelpublikationen über
Aspekte, Nebenaspekte und thematische Exkursionen im
Zusammenhang mit diesem Forschungsvorhaben.

Bei der gebotenen Beteiligung lebender Autorinnen und Autoren (auch
als Sachverständige und inhaltliche Beurteiler) ist im Inland auf ein
Mischungsverhältnis von 3:2 und international von 1:2, zwischen
nationalen und internationalen Autorinnen und Autoren auf eine
Mischung von 4:2 zu achten; bei verblichenen Dichtern ist eine
Mischung unerheblich.

Besonders verdienstvolle Förderer dieses Großprojektes aus Industrie
und Politikkönnen für Ehrendoktortitel und für Honorarprofessuren
vorgeschlagen werden. Sie können ggflls. auch an Einzelmaßnahmen
im In- und Ausland beteiligt werden. Dies gilt auch für Initiatoren der
inhaltlichen Therapieausformung.

Langfristig anzustreben ist die (überfällige) Errichtung eines eigenen
Forschungsinstituts mit entsprechenden Lehrstühlen und
Juniorprofessuren für das Lehr- und Forschungsgebiet „Therapien für
die Entwöhnung prominenter (verstorbener oder lebender), künstlerisch
belasteter Raucher“, in denen die Abteilung „Dichter und weitere
Autoren“ aufgehen kann.

Die Weitergestaltung der diesbezüglich orientierten wissenschaftlichen
Arbeit ist jährlich mindestens einmal jährlich mit der INTERNATIONAL
FOUNDATION HEALTHY SMOKING (IFHS) und den jeweiligen EUKommissaren für Kultur und Wissenschaft, für Nahrungs- und
Genussmittel, für Internationale Ökonomie und für Öffentlichkeitsarbeit
abzustimmen.

An den hierfür zuständigen Gremien sind zu gleichen Teilen Raucher
und Nichtraucher unter Institutsleitern, Studierenden und dem
akademischen Mittelbau zu beteiligen. Ihre Gesamtzahl soll 19
Mitglieder nicht überschreiten, in begründbaren Ausnahmefällen
maximal 37. Der Vorsitz sollte jährlich wechseln. Das Nähere regelt ein eigenes Statut des Stiftungsrates. Für Hörfehler bei der Aufzeichnung dieser Information aus Universitätskreisen übernimmt SC-REPORT ONLINE keine Gewähr!

Online-Bewerbungen mit gleichzeitiger Anweisung einer angemessenen Spendensumme an unsere vermittelnde Redaktion zu richten, c/o muenchbaron@web.de. (Der Betrag wird ggflls. persönlich in einem vereinbarten Kaufhaus abgeholt; Näheres wird per Handy vereinbart.)

Eine Auswahl bleibt uns - unter Ausschluss des Rechtsweges –
vorbehalten; sie bleibt geheim und wird den Einsendern nur in
Kurzform bestätigt.

Bewerbungsende: 31.12.2014, Mitternacht. (Eingangsstempel)

f . d. R.: Willem de Haan
 


Denkblockaden. Philosophie für Fortgeschrittene.

Hörfolge des Studentenradios CAMPUS 1 in zwei Teilen über
„Strukturimmanente Denkblockaden versus Scheinmotivationen“

Eine einführende männliche Stimme sagt im Vordergrund der
Hörsaalgeräusche zu den Hörern mit leiser, wichtigtuerischer Reporterstimme:

„Verehrte Hörer innen und Hörer, Sie hören die typischen Hörsaalgeräusche vor einer Vorlesung. Nach der kurzen Vorlesungspause füllt sich der Hörsaal Null Drei wieder. Die Studis setzen sich langsam. Einige Ablagebretter klappen laut. Der Professor kommt mit schnellen Schritten herein, nickt zu dem Halbrund der Studis hin, setzt sich an den Rednertisch und klopft kurz mit dem Kugelschreiber an sein Wasserglas. Er beginnt zu reden; der Redeschwall der Studenten nimmt jetzt erst ab. Der Vortragende hat eine kräftige Stimme, er klingt selbstbewusst, seiner Sache sehr sicher – er ist eben eine Kapazität.

Professor: „Ich darf Sie, meine Damen und Herren, einleitend an den
berühmten Lehrsatz des ostpersischen Denkers Tumur Hilluk aus der
2. Hälfte des 7. Jahrhunderts erinnern: „Denke, was du magst, aber sei
immer eingedenk, was dein Lehrer dir zu denken gab, als er dich
lehrte, zu denken ohne zu denken – auch, wenn andere denken, dass
du denkst.“

Wie schon Schürmeier 1911 in seiner immer noch hochbrisanten
Marburger Antrittsvorlesung andeutete, ist das strukturimmanente
Blockieren unseres Denkapparates in geradezu fataler, um nicht zu
sagen, gefährlicher Weise teilweise, jedenfalls in den sehr sublimen
Unterschichten des sich stets wunderbarerweise wiederholenden
Stufendenkens, einerseits bis auf einige Millideut bestimmbar,
andererseits – das bitte ich Sie besonders zu werten – ist es wie alle
Denkmaterie den Rübenacker-Jonasschen Gesetzen unterworfen und
damit erschwert sich jeder Versuch, den verhülsten und untereinander
zunächst schwer übersehbaren Strangverbindungen analytisch zu
folgen – was selbstredend immer unser oberstes Gebot bleiben muss
(er nimmt einen Schluck aus dem Wasserglas).

Wir haben uns drei Semester hindurch mit dem Phänomen „Warum?“
beschäftigt und ich darf voraussetzen, dass Sie die Ihnen empfohlene
Fachliteratur gewissenhaft durchgearbeitet und die auf meiner
Internetseite aufgezeigten Links aufmerksam angeklickt haben. Übrigens darf ich Ihnen mit einigem Stolz mitteilen, dass zwei Kommilitonen erwägen, über den schier unerschöpfbaren Begriff „Warum“ Dissertationen anzustreben. Ich bin auf diese Arbeiten sehr gespannt.

Wenn wir uns vom kommenden Semester an mit der Umschichtung des im allgemeinen Sprachgebrauch so genannten „Hintergedankens“ in der vierten bis siebten Dekade der – das ist mein gegenwärtiger
Forschungsansatz – geschlechts-spezifisch außerordentlich divergierenden (Lachen und Unruhe bei den Studis), ja, Sie können und sollen sich selbst davon überzeugen: von der geschlechtsspezifisch außerordentlich divergierenden Post-Adoleszenz, mit der wir uns gründlich befassen werden. Ich kann nicht umhin, Ihnen noch mehr aufzuerlegen, meine Damen und Herren (Unruhe, anhaltendes Murmeln im Saal, das der Professor souverän überspielt): Sie müssen, beziehungsweise können – oder besser: Sie halten oder werden… ich will es einmal klassisch ausdrücken: Sie alle haben, durch welche Sozialisation Sie auch geprägt wurden – bis zuweilen ins Äußere hinein (er lacht abgehackt) – Sie verzeihen mir den kleinen Scherz – also Sie haben ein scheinbares, aber durchaus messbares, wenn auch den meisten, vor allem den kalifornischen Forschern nicht signifikant entwickeltes Strukturprofil; das behandeln und darüber reden wir später. (Er nimmt schlürfend einen Schluck Wasser).Wer noch Fragen hat, kann sie jetzt vortragen.

Student (schnippt mit den Fingern, künstliches Räuspern): Herr
Professor, bitte…

hier, Herr Professor!

Professor: Wo… wer?

Student: Hier, Herr Professor!

Professor: Ja? (kurz) Ja!

Student: Äh… ich…ich (längere Pause, dann halblaut: Scheiße!) laut:
Tut mir wahnsinnig leid, jetzt habe ich meine Frage vergessen.
(Allgemeines Lachen und Trampeln, zunehmende Heiterkeit.)
Studentin: Männer sind eben zuweilen in ihrer Denkstruktur blockiert.
War das nicht ein Leitgedanken Ihres Laberns… ich wollte sagen
(das geht im Trampeln und Bretterklopfen unter).

Reporter: Der Professor beendet offenbar vorschnell seine Vorlesung.
Professor: Damit ist meine heutige Vorlesung beendet. Sie werden mir
bis nächsten Dienstag eine Zusammenfassung vor legen, abzugeben in meinem Vorzimmer. Wiedersehn! (Er steht auf, rückt den Stuhl, geht ab.)

Die Studenten klopfen ihn verabschiedend auf ihre Ablagebretter, aber
das tun nicht viele. Lautstarkes Aufbrechen.

Szenenwechsel im direkten Anschluss: Nach der Vorlesung,

im (wie man hört) gut gefülltem Mensa-Café. Professor Schludermann
wird von einem jungen Mann mit einem Mikrofon in der Hand
angesprochen:

Reporter: Guten Tag, verehrter Herr Professor Schludermann! Darf ich
Sie im Namen einer großen Hörerschaf t einmal etwas sehr
Persönliches fragen?

Professor (er balanciert eine Tasse Kaffee auf einem viel zu großen
Tablett): Nur zu, nur zu, solange ich Kaffee trinke.

Reporter: Sie haben in jahrelanger Forschungsarbeit Spektakuläres
herausgefunden, etwas, das unser gesamtes Denken und Fühlen
verändern könnte …

Professor (heftig): Muss! Muss! Muss!

Reporter: Verzeihung. Wie meinen...?

Professor: Muss!

Reporter: Ah, ich verstehe! Das unser Denken und Fühlen oder auch
unser Fühlen und Denken verändern muss. Die Fachwelt ist
aufgeschreckt, Ihr Bestseller verkauf t sich rasant – die meisten
Studenten haben ihn – natürlich zusätzlich – ihren Eltern und Freunden geschenkt …

Professor: Nun ja, alles richtig, was Sie sagen, aber nun zum Kern
Ihrer Frage!

Reporter: Können Sie, verehrter Herr Professor, für unseren Campus-
Sender, dessen Redakteur ich bin, Ihre Denkergebnisse einmal kurz
umreißen oder besser: zusammenzufassen …?

Professor (hüstelt, röchelt, schnieft): Die bisherigen, meinen Sie
sicher.

Reporter: Selbstverständlich, Herr Professor! Unsere Hörer interessiert
natürlich brennend die …

Professor: Ja, wissen Sie, sehen Sie… wo sind denn die Hörer?

Reporter: Herr Professor, wir sind der Universitätssender. Die Hörer,
bei weitem nicht nur Studierende, sitzen an den Radios oder
Lautsprechern, lauschen wie verrückt, ich meine, außerordentlich
aufmerksam, rücken immer näher …

Professor: Ist das wahr? Geprüft? Gegengeprüft? Erhärtet? Ich sehe
immer noch keinen, jedenfalls nicht konkret …

Reporter: Herr Professor, bitte sprechen Sie in dieses Mikrofon hier.
Wir nehmen alles auf und Sie können sich, wenn Sie das wünschen,
die Aufnahme vor der Sendung noch einmal anhören …

Professor: Ich will sie jetzt schon anhören!

Reporter: Aber wir sind doch erst am Anfang, Herr Professor. Sie
sagten eben sehr einleuchtend …

Professor (mit Nachdruck): Junger Mann, ich arbeite schon seit
dreiunddreißig Jahren an der Verifikation meiner Hypothesen. Ich
fange nicht mehr an – ich binde jetzt zusammen – so ähnlich würde es
übrigens auch Schultze-Möhrenbach formulieren, der wird Ihnen nicht
geläufig sein …

Reporter: Ich glaube doch, Herr Professor, ich bin mit seiner Tochter
befreundet. Sie haben eine so hinreißende Art der Darstellung auch höchst komplexer Zusammenhänge. Bitte erklären Sie uns doch das
Geheimnis der rückwärtigen Denkstruktur-Vakanz – um die geht es
doch hauptsächlich …

Professor (leise): Vergebliche Müh.

Reporter: Wie bitte? Herr Professor, ich verstehe Sie nicht …

Professor: Sie werden es nicht begreifen! Ich sehe Ihr
Grundverständnis nicht. Haben Sie bei mir Scheine erworben,
Zwischenprüfungen, eine Magisterarbeit angemeldet?

Reporter: Nein, Herr Professor. Ich studiere Soziologie und Zukunfts- und Grenzwissenschaften, aber ich bin ein Multiplikator.

Professor: Wo hat denn Ihr Vater studiert und zu welchem Ende?

Reporter: In Trier, glaube ich, Kameralistik oder so was. Er hat in
mehreren Bereichen herumgeschnuppert …

Professor: Herumgeschnuppert? Ohne Abschluss?

Reporter: Er arbeitet jetzt im Finanzministerium. Und ich habe meinem
Bruder die Doktorarbeit ins Reine geschrieben: Europäische Kulturanthropologie. Ein Volksfest im Westerwald. Sehr spannend. Ich konnte manches verbessern, sprachlich natürlich nur.

Professor: Na schön, dann kann ich´s Ihnen ja sagen:

Reporter: Vielen Dank, Herr Professor, Ihre Zusammenfassung bitte …

Professor: Ich hasse Zusammenfassungen. Ich sage es mal auf
Latein …

Reporter: Nein, bitte nicht, Herr Professor, wir haben viele ausländische Höre innen und Hörer, die kein oder noch nicht Latein
können. Bitte sagen Sie es auf Deutsch.

Professor: Später, später. Später kann es zu spät sein.

Reporter: Ein köstliches Bonmot, Herr Professor, Original
Schludermann. Ich staune immer wieder, wie Sie so aus dem
Handgelenk schöpferisch formulieren: Jedes Wort ein Hammerschlag,
jede Silbe ein Glockenton …

Professor: Hm, also gut. (wendet sich um, lauter:) Meine Damen und
Herren …

Reporter: Hierhinein bitte, Herr Professor!

Professor: Wieso, da ist doch niemand.

Reporter: Verzeihung, doch, Herr Professor: Am Ende der Leitung
sitzen sie alle, Tausende, Zehntausende vielleicht.

Professor: So viele? Selber schuld! Äh, wo war ich, wobei haben Sie
mich unterbrochen?

Reporter: Sie wollten Ihren großen Lehrsatz noch einmal aussprechen.

Professor: Ach den. Wie fing ich denn an?

Reporter: Ich glaube „Unser Denken und Fühlen …“

Professor: Unsinn! unser Fühlen, Komma, unser Denken, Komma, sie
folgen dem unendlichen Strom der … Strom? Wieso Strom? Was soll
der Strom hier?

Reporter: Herr Professor, ich vermute, „unser Fühlen und Denken
folgen einem geheimnisvollen Gesetz …“

Professor: Hirnrissiger Quatsch! Wo haben Sie denn das gelesen? (Er
wird heftiger:) Das gehört doch gar nicht hier hin! Was erlauben Sie
sich, solche Abstrusitäten hier einzuführen! Völlig unakademisch
zudem. Das ist illegitim, das ist des Teufels! Stören Sie meine
Denkgebäude doch nicht mit solchen Albernheiten!
(Er steht auf, stößt das Kaffeegeschirr zurück und geht empört ab,
redet aber noch weiter:) Ist doch unerhört! Radio! Zehntausende!
Womöglich alles Analphabeten, Studienabbrecher und dauernd
betrunkene Erstsemester. Verstehen ja nichts, haben keine Ahnung
von nichts. (laut:) Von nichts!

Reporter (ihm ratlos nachrufend, dann mit immer leiser werdenden
Stimme:) Ja, Herr Professor, wir danken Ihnen sehr herzlich für dieses
Interview mit dem Leitthema über neues Denken und Fühlen.
Er liest resigniert vom Zettel: Unsere Zeit schreit danach. Wir werden
diesem Thema ein eigenes Symposion widmen, noch im Wintersemester.

Absage einer sympathischen, warmen Frauenstimme, die mit allem
versöhnen könnte: Das, meine Hörer innen und Hörer, war ein Ausschnitt aus einer Vorlesung und ein anschließendes kleines Gespräch unseres Kollegen Wolfram Essig mit Professor Dr. Dr. Gerdfried Schludermann, dem designierten Direktor des neuen Europäischen Instituts für Denkforschung in Wilbingen-Heiderstedt.

Es folgt eine Zwischenmusik

© Helmut W. Brinks