Mein stärkstes und
zugleich bewegendestes Abenteuer spielte in Russland im Krieg
gegen Napoleon. Die Truppen der Franzosen waren den Russen
klar überlegen und waren dem Endsieg sehr nahe, als ich zur
Hilfe gerufen wurde. Ich entwickelte einen Zwei- Stufen-Plan:
In Napoleons Aufmarschgebiet ließ ich die Flüsse ableiten und
dem Dauerregen helfen, alles Land in Morast und Matsch zu
verwandeln. Darin blieben die Franzosen mit ihren Geschützen
und allen Wagen hoffnungslos stecken. Mein zweiter Plan setzte
auf russische Kleinstlebewesen.
Die Trockenheit und
Wärme ersehnenden Franzosen strebten auf dem Hin - und
Rückmarsch in alle erreichbaren Häuser und Hütten und
Schuppen. Die russischen Bauern schlafen gern auf den breit
gebauten Öfen. Dahin zog es auch die vor Nässe frierenden
Soldaten. Ja, viele wurden trocken und gewärmt, viele suchten
auch bei allen angetroffenen Frauen menschliche Wärme.
Sie,
ihre Offiziere und ihre Regimentsärzte ahnten nicht, dass die genossenen
Ofenwärme verhängnisvoller zuschlug als alles verschossene
Schwarzpulver: Die Russen sind seit Jahrhunderten immun gegen
Wanzen, Flöhe und Läuse; die Franzosen waren ihnen schutzlos
ausgeliefert. Sie erreichten tatsächlich den Untergang der
Napoleon-Armee. Schlimmer noch: Selbst die Überlebenden nahmen
diese kämpferischen Kleinstlebewesen mit in die Heimat. Es
sollen nur noch 10.000 Soldaten gewesen sein, anfangs aber -
zwangsweise und deshalb unzuverlässig gemischt aus mehreren
Nationen - 400.000. Es war ein schmerzvoller Sieg, aber
Mütterchen Russland hat es überlebt.
Nebenbei: Ich
konnte nur mit Mühe verhindern, dass mich gleich fünf
russische Universitäten zum Ehrendoktor ernennen wollten …
Die Münchhausenwelt konkret
Ich bin viele, das haben
einige in den letzten Jahrhunderten begriffen. Aber ich will
nicht alles allein machen. Die vor Jahren schon einmal in
einigen Fundamenten gegründete Münchhausenwelt ist
Naturgewalten und einem Angriff von Fundamentalisten zum Opfer
gefallen. Völlig zerstörbar war sie aber nicht. Die Verluste haben mich
auf Gedanken über Kooperationen gebracht. Mit potentiellen Geldgebern
und mit erwiesenen Machern, mehr aber mit einigen bereits in
Luftsprüngen geübten Unrealisten.
Eins unserer
wichtigsten Projekte ist die Gründung einer eigenen Hochschule;
wir nennen sie schlicht die Münchhausen-Universität. Es war
aus Kostengründen, aber auch wegen der uns wichtigen Einbindung
von Lehrenden und Studierenden aus aller Welt gar nicht anders
denkbar, als sie virtuell anzusiedeln.
An dieser
Stelle gibt es bald Berichte aus den Forschungsbereichen und
Ausschreibungen für Forschungsvorhaben, Stellenaus- schreibungen und
Anmeldungen für Studienanfänger.
Immatrikulation
Hier sind ab sofort
Anmeldungen möglich in allen von den Vereinten Nationen
anerkannten Weltsprachen mit diesen Angaben:
Vollständige
Namen, Augenfarbe, Schuhgröße, gefühltes Alter, Lerninteressen,
Angabe der weiblichen und männlichen historischen Lieblingsgestalten,
Email-Anschrift.
Wir bieten Ihnen ein kostenfreies
Studium; nur wem es wohler ist zu zahlen, kann das
Abbuchungskonto angeben (Immatrikulationsgebühr: 99 - 210 €. Semestergebühr:
360 €, Promotion mit Urkunde: 3.300 €).
Aus den Fachbereichen und ihren
Hörsälen:
Bachmann, Benn, Böll, Brecht,
Bukowski und
Busch kommen posthum vom Rauchen ab.
Hinter
diesem populistisch klingendem Titel verbirgt sich nach unseren bisherigen
Informationen die Struktur einer zunächst nur in Auszügen der
Öffentlichkeit mitgeteilten psychologischen Forschungsarbeit für das
Psycho-Hygienische Institut der Freien Universität Rollsdorf, Außenstelle
Benswagen, der Dipl.-Psychologen Rosa-Annegret Mollenfeld-Wasserbach,
Henrik-Wladimir Sburgalski und Moira van Daakenbeek.
SC-REPORT ONLINE
liegen die Thesen dieses Projektes vor:
1. Weibliche
und männliche Dichter, Schriftsteller und Autoren, deren
Nachnamen mit einem "B“ beginnen, sind besonders anfällig für
eine Nikotinsucht.
2. Neben lebenden
Abusus-Probanden können auch inzwischen unsterblich gewordene
Dichter in Entwöhnungsprogramme einbezogen werden.
3.
In ihren Selbstzeugnissen, in Texten aller Art, in Briefen,
Tagebuchnotizen, auf Fotos und in Berichten und Stellungnahmen von Zeitzeugen
und Tabakgroßhändlern ist ihr möglicherweise wechselndes Verhältnis zu
selbstgedrehten oder zu handelsüblichen Zigaretten, Zigarillos,
Zigarren, tabakhaltigen Sondererzeugnissen und zu Pfeifentabak im Laufe
ihres Lebens rekonstruierbar.
4. Die
Sicherungsbedingungen eines diesbezüglichen Forschungsvorhabens sind
herstellbar. Das brisante Papier nennt diese Untersuchungspunkte und
Voraussetzungen: Starke frühere oder jetzige Raucher – müssen
mit einer eigenen psycho-somatischen Therapie, u.a. mit
antiken Idealbildern und idealistischen Texten und Subtexten
antiker Autoren um ihre Mitarbeit an einer dauerhaften
Entwöhnung (bei lebenslanger Fortsetzung und Weiterentwicklung
der Therapie durch dafür eigens ausgebildete Psychologen)
gewonnen werden.
Die
Studie konzentriert sich auf die meist Zigaretten rauchenden “Probanden“ Ingeborg Bachmann,
Simone de Beauvoir, Jurek Becker, Samuel Beckett,
Gottfried Benn, Tanja Blixen, Ernst Bloch, Aleksandre Blok,
Johannes Bobrowski, Heinrich Böll, Wolfgang Borchert, Jorge Luis
Borges, Bertolt Brecht, Christine Brückner, Charles
Bukowski (Zigaretten, Zigarillos) William S. Burrough, Wilhelm
Busch (Zigarren), und Lord Byron ebenso wie auf die noch lebenden
Autoren Anders Bodelsen (Filterzigaretten), Ray Douglas
Bradbury (Pfeifenraucher), Vico Louis Braun (Zigarren)
Günter de Bruyn (filterlose Zigaretten) und Lothar-Günther Buchheim
(Zigarillos).
Dafür ist eine
differenzierte posthume Ferntherapie nach Nakoviski- Wirkenstein
in Verbindung zu den Forschungsergebnissen der POCATINA-Universiät
Narvic zu entwickeln.
Mit einer ausgedehnten
Feldforschung, an der neben Medizinern auch Soziologen,
Kultur-Anthropologen, Entwicklungsphilosophen, Persönlichkeits-Designer
und Religionswissenschaftler aller Hochreligionen zu beteiligen sind,
wird eruiert, und durch Vergleiche mit Namensträger der
Buchstabengruppen „F“ und „W“ belegt,
ob Schriftsteller, deren Namen
mit einem „B“ beginnt,
tatsächlich signifikant und alarmierend anfällig für eine
Nikotin-Abhängigkeit sind.
Bei den
Entwöhnungsprogrammen ist eine messbare starke Unterstützung durch die
Anteilnahme der Öffentlichkeit bzw. wichtiger Multiplikatoren
sowie politische und ökologischer Gruppierungen wichtig bis
erfolgsentscheidend.
Der jetzige noch nicht fest
bestehende Forschungs-Etat sollte noch in diesem Jahr auf
12,374 Millionen Euro aufgestockt und dann jeweils jährlich um
3,3 - 5,2 % erweitert werden. Der Personalbedarf wird in einer
anhängenden Aufstellung detailliert erläutert.
Die
Untersuchung wird sich voraussichtlich über mindestens siebeneinhalb
Jahre erstrecken. Die jeweils notwendige Fortführung und
Aktualisierung der Forschungsergebnisse sichert zugleich Themen für
Habilitationen, Dissertationen und Diplomarbeiten, daneben aber nicht
zuletzt Stellen für ausreichendes wissenschaftliches Hilfspersonal. Die
Forschungsmittel sind durch die Institutsleiter und die gewählten,
teilweise auch durch notfalls selbsternannte Studentenvertreter
einvernehmlich auch für alle Forschungsausgaben im entsprechenden
literarischen und sozialen Umfeld von Autoren im In- und Ausland
einsetzbar, desgleichen für Einzelpublikationen über Aspekte,
Nebenaspekte und thematische Exkursionen im Zusammenhang mit
diesem Forschungsvorhaben.
Bei der gebotenen
Beteiligung lebender Autorinnen und Autoren (auch als
Sachverständige und inhaltliche Beurteiler) ist im Inland auf ein Mischungsverhältnis
von 3:2 und international von 1:2, zwischen nationalen und
internationalen Autorinnen und Autoren auf eine Mischung von
4:2 zu achten; bei verblichenen Dichtern ist eine Mischung
unerheblich.
Besonders verdienstvolle Förderer
dieses Großprojektes aus Industrie und Politikkönnen für
Ehrendoktortitel und für Honorarprofessuren vorgeschlagen
werden. Sie können ggflls. auch an Einzelmaßnahmen im In- und
Ausland beteiligt werden. Dies gilt auch für Initiatoren der inhaltlichen
Therapieausformung.
Langfristig anzustreben ist die
(überfällige) Errichtung eines eigenen Forschungsinstituts mit
entsprechenden Lehrstühlen und Juniorprofessuren für das Lehr-
und Forschungsgebiet „Therapien für die Entwöhnung prominenter
(verstorbener oder lebender), künstlerisch belasteter
Raucher“, in denen die Abteilung „Dichter und weitere Autoren“
aufgehen kann.
Die Weitergestaltung der
diesbezüglich orientierten wissenschaftlichen Arbeit ist
jährlich mindestens einmal jährlich mit der INTERNATIONAL FOUNDATION
HEALTHY SMOKING (IFHS) und den jeweiligen EUKommissaren für Kultur und
Wissenschaft, für Nahrungs- und Genussmittel, für
Internationale Ökonomie und für Öffentlichkeitsarbeit abzustimmen.
An
den hierfür zuständigen Gremien sind zu gleichen Teilen Raucher und
Nichtraucher unter Institutsleitern, Studierenden und dem akademischen
Mittelbau zu beteiligen. Ihre Gesamtzahl soll 19 Mitglieder
nicht überschreiten, in begründbaren Ausnahmefällen maximal
37. Der Vorsitz sollte jährlich wechseln. Das Nähere regelt ein eigenes
Statut des Stiftungsrates. Für Hörfehler bei der Aufzeichnung dieser
Information aus Universitätskreisen übernimmt SC-REPORT ONLINE keine Gewähr!
Online-Bewerbungen
mit gleichzeitiger Anweisung einer angemessenen Spendensumme an unsere
vermittelnde Redaktion zu richten, c/o muenchbaron@web.de. (Der Betrag
wird ggflls. persönlich in einem vereinbarten Kaufhaus abgeholt;
Näheres wird per Handy vereinbart.)
Eine Auswahl
bleibt uns - unter Ausschluss des Rechtsweges – vorbehalten;
sie bleibt geheim und wird den Einsendern nur in Kurzform
bestätigt.
Bewerbungsende: 31.12.2014, Mitternacht.
(Eingangsstempel)
f . d. R.: Willem de Haan
|
| Denkblockaden. Philosophie für
Fortgeschrittene.
Hörfolge des
Studentenradios CAMPUS 1 in zwei Teilen über „Strukturimmanente
Denkblockaden versus Scheinmotivationen“
Eine
einführende männliche Stimme sagt im Vordergrund der Hörsaalgeräusche
zu den Hörern mit leiser, wichtigtuerischer Reporterstimme:
„Verehrte
Hörer innen und Hörer, Sie hören die typischen Hörsaalgeräusche vor
einer Vorlesung. Nach der kurzen Vorlesungspause füllt sich
der Hörsaal Null Drei wieder. Die Studis setzen sich langsam. Einige
Ablagebretter klappen laut. Der Professor kommt mit schnellen Schritten
herein, nickt zu dem Halbrund der Studis hin, setzt sich an den
Rednertisch und klopft kurz mit dem Kugelschreiber an sein Wasserglas.
Er beginnt zu reden; der Redeschwall der Studenten nimmt jetzt
erst ab. Der Vortragende hat eine kräftige Stimme, er klingt selbstbewusst,
seiner Sache sehr sicher – er ist eben eine Kapazität.
Professor:
„Ich darf Sie, meine Damen und Herren, einleitend an den berühmten
Lehrsatz des ostpersischen Denkers Tumur Hilluk aus der 2.
Hälfte des 7. Jahrhunderts erinnern: „Denke, was du magst, aber sei immer
eingedenk, was dein Lehrer dir zu denken gab, als er dich lehrte,
zu denken ohne zu denken – auch, wenn andere denken, dass du
denkst.“
Wie schon Schürmeier 1911 in seiner immer
noch hochbrisanten Marburger Antrittsvorlesung andeutete, ist
das strukturimmanente Blockieren unseres Denkapparates in
geradezu fataler, um nicht zu sagen, gefährlicher Weise
teilweise, jedenfalls in den sehr sublimen Unterschichten des
sich stets wunderbarerweise wiederholenden Stufendenkens,
einerseits bis auf einige Millideut bestimmbar, andererseits –
das bitte ich Sie besonders zu werten – ist es wie alle Denkmaterie
den Rübenacker-Jonasschen Gesetzen unterworfen und damit
erschwert sich jeder Versuch, den verhülsten und untereinander zunächst
schwer übersehbaren Strangverbindungen analytisch zu folgen –
was selbstredend immer unser oberstes Gebot bleiben muss (er
nimmt einen Schluck aus dem Wasserglas).
Wir haben
uns drei Semester hindurch mit dem Phänomen „Warum?“ beschäftigt
und ich darf voraussetzen, dass Sie die Ihnen empfohlene Fachliteratur
gewissenhaft durchgearbeitet und die auf meiner Internetseite aufgezeigten
Links aufmerksam angeklickt haben. Übrigens darf ich Ihnen mit
einigem Stolz mitteilen, dass zwei Kommilitonen erwägen, über
den schier unerschöpfbaren Begriff „Warum“ Dissertationen anzustreben.
Ich bin auf diese Arbeiten sehr gespannt.
Wenn wir
uns vom kommenden Semester an mit der Umschichtung des im
allgemeinen Sprachgebrauch so genannten „Hintergedankens“ in der
vierten bis siebten Dekade der – das ist mein gegenwärtiger Forschungsansatz
– geschlechts-spezifisch außerordentlich divergierenden (Lachen
und Unruhe bei den Studis), ja, Sie können und sollen sich
selbst davon überzeugen: von der geschlechtsspezifisch außerordentlich
divergierenden Post-Adoleszenz, mit der wir uns gründlich befassen
werden.
Ich kann nicht umhin, Ihnen noch mehr aufzuerlegen, meine
Damen und Herren (Unruhe, anhaltendes Murmeln im Saal, das der
Professor souverän überspielt): Sie müssen, beziehungsweise können
– oder besser: Sie halten oder werden… ich will es einmal klassisch
ausdrücken: Sie alle haben, durch welche Sozialisation Sie auch
geprägt wurden – bis zuweilen ins Äußere hinein (er lacht abgehackt)
– Sie verzeihen mir den kleinen Scherz – also Sie haben ein
scheinbares, aber durchaus messbares, wenn auch den meisten, vor
allem den kalifornischen Forschern nicht signifikant entwickeltes
Strukturprofil; das behandeln und darüber reden wir später. (Er nimmt
schlürfend
einen Schluck Wasser).Wer noch Fragen hat, kann sie jetzt vortragen.
Student
(schnippt mit den Fingern, künstliches Räuspern): Herr Professor,
bitte…
hier, Herr Professor!
Professor: Wo… wer?
Student:
Hier, Herr Professor!
Professor: Ja? (kurz) Ja!
Student:
Äh… ich…ich (längere Pause, dann halblaut: Scheiße!) laut: Tut
mir wahnsinnig leid, jetzt habe ich meine Frage vergessen. (Allgemeines
Lachen und Trampeln, zunehmende Heiterkeit.) Studentin: Männer
sind eben zuweilen in ihrer Denkstruktur blockiert. War das
nicht ein Leitgedanken Ihres Laberns… ich wollte sagen (das geht
im Trampeln und Bretterklopfen unter).
Reporter: Der Professor
beendet offenbar vorschnell seine Vorlesung. Professor: Damit
ist meine heutige Vorlesung beendet. Sie werden mir bis
nächsten Dienstag eine Zusammenfassung vor legen, abzugeben in meinem
Vorzimmer. Wiedersehn! (Er steht auf, rückt den Stuhl, geht ab.)
Die
Studenten klopfen ihn verabschiedend auf ihre Ablagebretter, aber das
tun nicht viele. Lautstarkes Aufbrechen.
Szenenwechsel im direkten
Anschluss: Nach der Vorlesung,
im
(wie man hört) gut gefülltem Mensa-Café. Professor Schludermann wird
von einem jungen Mann mit einem Mikrofon in der Hand angesprochen:
Reporter:
Guten Tag, verehrter Herr Professor Schludermann! Darf ich Sie
im Namen einer großen Hörerschaf t einmal etwas sehr Persönliches
fragen?
Professor (er balanciert eine Tasse Kaffee auf einem
viel zu großen Tablett): Nur zu, nur zu, solange ich Kaffee
trinke.
Reporter: Sie haben in jahrelanger Forschungsarbeit
Spektakuläres herausgefunden, etwas, das unser gesamtes Denken
und Fühlen verändern könnte …
Professor (heftig):
Muss! Muss! Muss!
Reporter: Verzeihung. Wie meinen...?
Professor:
Muss!
Reporter: Ah, ich verstehe! Das unser Denken und Fühlen
oder auch unser Fühlen und Denken verändern muss. Die Fachwelt
ist aufgeschreckt, Ihr Bestseller verkauf t sich rasant – die
meisten Studenten haben ihn – natürlich zusätzlich – ihren
Eltern und Freunden geschenkt …
Professor: Nun ja,
alles richtig, was Sie sagen, aber nun zum Kern Ihrer Frage!
Reporter:
Können Sie, verehrter Herr Professor, für unseren Campus- Sender,
dessen Redakteur ich bin, Ihre Denkergebnisse einmal kurz umreißen
oder besser: zusammenzufassen …?
Professor (hüstelt, röchelt,
schnieft): Die bisherigen, meinen Sie sicher.
Reporter:
Selbstverständlich, Herr Professor! Unsere Hörer interessiert natürlich
brennend die …
Professor: Ja, wissen Sie, sehen Sie… wo sind
denn die Hörer?
Reporter: Herr Professor, wir sind der
Universitätssender. Die Hörer, bei weitem nicht nur
Studierende, sitzen an den Radios oder Lautsprechern, lauschen
wie verrückt, ich meine, außerordentlich aufmerksam, rücken
immer näher …
Professor: Ist das wahr? Geprüft? Gegengeprüft?
Erhärtet? Ich sehe immer noch keinen, jedenfalls nicht konkret …
Reporter:
Herr Professor, bitte sprechen Sie in dieses Mikrofon hier. Wir
nehmen alles auf und Sie können sich, wenn Sie das wünschen, die
Aufnahme vor der Sendung noch einmal anhören …
Professor: Ich
will sie jetzt schon anhören!
Reporter: Aber wir sind doch
erst am Anfang, Herr Professor. Sie sagten eben sehr
einleuchtend …
Professor (mit Nachdruck): Junger Mann, ich
arbeite schon seit dreiunddreißig Jahren an der Verifikation
meiner Hypothesen. Ich fange nicht mehr an – ich binde jetzt
zusammen – so ähnlich würde es übrigens auch
Schultze-Möhrenbach formulieren, der wird Ihnen nicht geläufig
sein …
Reporter: Ich glaube doch, Herr Professor, ich bin mit
seiner Tochter befreundet. Sie haben eine so
hinreißende Art der Darstellung auch höchst komplexer
Zusammenhänge. Bitte erklären Sie uns doch das Geheimnis der
rückwärtigen Denkstruktur-Vakanz – um die geht es doch
hauptsächlich …
Professor (leise): Vergebliche Müh.
Reporter:
Wie bitte? Herr Professor, ich verstehe Sie nicht …
Professor:
Sie werden es nicht begreifen! Ich sehe Ihr Grundverständnis
nicht. Haben Sie bei mir Scheine erworben, Zwischenprüfungen,
eine Magisterarbeit angemeldet?
Reporter: Nein, Herr
Professor. Ich studiere Soziologie und Zukunfts- und Grenzwissenschaften,
aber ich bin ein Multiplikator.
Professor: Wo hat denn Ihr
Vater studiert und zu welchem Ende?
Reporter: In Trier,
glaube ich, Kameralistik oder so was. Er hat in mehreren
Bereichen herumgeschnuppert …
Professor: Herumgeschnuppert?
Ohne Abschluss?
Reporter: Er arbeitet jetzt im
Finanzministerium. Und ich habe meinem Bruder die Doktorarbeit
ins Reine geschrieben: Europäische Kulturanthropologie. Ein
Volksfest im Westerwald. Sehr spannend. Ich konnte manches
verbessern, sprachlich natürlich nur.
Professor: Na schön,
dann kann ich´s Ihnen ja sagen:
Reporter: Vielen Dank, Herr
Professor, Ihre Zusammenfassung bitte …
Professor: Ich hasse
Zusammenfassungen. Ich sage es mal auf Latein …
Reporter:
Nein, bitte nicht, Herr Professor, wir haben viele ausländische
Höre innen und Hörer, die kein oder noch nicht Latein können.
Bitte sagen Sie es auf Deutsch.
Professor: Später, später.
Später kann es zu spät sein.
Reporter: Ein köstliches Bonmot,
Herr Professor, Original Schludermann. Ich staune immer
wieder, wie Sie so aus dem Handgelenk schöpferisch
formulieren: Jedes Wort ein Hammerschlag, jede Silbe ein
Glockenton …
Professor: Hm, also gut. (wendet sich um, lauter:)
Meine Damen und Herren …
Reporter: Hierhinein bitte,
Herr Professor!
Professor: Wieso, da ist doch niemand.
Reporter:
Verzeihung, doch, Herr Professor: Am Ende der Leitung sitzen
sie alle, Tausende, Zehntausende vielleicht.
Professor: So
viele? Selber schuld! Äh, wo war ich, wobei haben Sie mich
unterbrochen?
Reporter: Sie wollten Ihren großen Lehrsatz noch
einmal aussprechen.
Professor: Ach den. Wie fing ich denn an?
Reporter:
Ich glaube „Unser Denken und Fühlen …“
Professor: Unsinn! unser
Fühlen, Komma, unser Denken, Komma, sie folgen dem unendlichen
Strom der … Strom? Wieso Strom? Was soll der Strom hier?
Reporter:
Herr Professor, ich vermute, „unser Fühlen und Denken folgen
einem geheimnisvollen Gesetz …“
Professor: Hirnrissiger
Quatsch! Wo haben Sie denn das gelesen? (Er wird heftiger:)
Das gehört doch gar nicht hier hin! Was erlauben Sie sich,
solche Abstrusitäten hier einzuführen! Völlig unakademisch zudem.
Das ist illegitim, das ist des Teufels! Stören Sie meine Denkgebäude
doch nicht mit solchen Albernheiten! (Er steht auf, stößt das
Kaffeegeschirr zurück und geht empört ab, redet aber noch
weiter:) Ist doch unerhört! Radio! Zehntausende! Womöglich
alles Analphabeten, Studienabbrecher und dauernd betrunkene
Erstsemester. Verstehen ja nichts, haben keine Ahnung von
nichts. (laut:) Von nichts!
Reporter (ihm ratlos nachrufend,
dann mit immer leiser werdenden Stimme:) Ja, Herr Professor,
wir danken Ihnen sehr herzlich für dieses Interview mit dem
Leitthema über neues Denken und Fühlen. Er liest resigniert
vom Zettel: Unsere Zeit schreit danach. Wir werden diesem
Thema ein eigenes Symposion widmen, noch im Wintersemester.
Absage
einer sympathischen, warmen Frauenstimme, die mit allem versöhnen
könnte: Das, meine Hörer innen und Hörer, war ein Ausschnitt aus
einer Vorlesung und ein anschließendes kleines Gespräch unseres
Kollegen Wolfram Essig mit Professor Dr. Dr. Gerdfried Schludermann,
dem designierten Direktor des neuen Europäischen Instituts für
Denkforschung in Wilbingen-Heiderstedt.
Es folgt eine
Zwischenmusik
© Helmut W. Brinks
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